Vom Putsch bis zum Wahltag

Es ist ein Glück, das nicht viele Journalisten haben: einen Putsch vom Anfang bis zum Ende verfolgen zu dürfen, direkt vor Ort, aber trotzdem aus einer gewissen Distanz. Mali habe ich in den vergangenen eineinhalb Jahren zwar so häufig besucht wie kein anderes Land, dennoch lebe ich nicht hier, habe aber alleine in diesem Jahr mehr als acht Wochen in Mali verbracht.

Eins ist zumindest in dieser Zeit in der Hauptstadt Bamako zurück gekehrt: ein bisschen Hoffnung. Hoffnung auf freie Wahlen und auf einen Neuanfang, auf den viele Menschen hier im Süden nicht länger warten wollten. Natürlich: vielleicht wären die Wahlen besser vorbereitet gewesen, wenn sie erst in drei Monaten stattgefunden hätten. Vielleicht wären mehr „Ninas“ – die so wichtigen Wählerkarten – verteilt worden. Aber vermutlich hätte es sehr viel mehr Zeit gebraucht, um das Wählerregister tatsächlich noch einmal richtig zu überarbeiten. Es ist seit Jahren in der Kritik, gilt als unvollständig. Drei Monate mehr hätten das kaum geändert.

Hier ist vielen Menschen klar, dass die Präsidentschaftswahl vom 28. Juli nicht alle Probleme lösen wird. Das wird auch nicht durch die Stichwahl geschehen, die nun für den 11. August angesetzt ist. Die Versorgungslage wird weiterhin ein Problem bleiben, die Infrastruktur mangelhaft, weiterhin werden zehntausende Arbeitsplätze für junge Menschen fehlen, obwohl diese durchaus ausgebildet sind und Schulabschlüsse haben. Dennoch ist die Wahl zumindest ein Aufbruch und ein Schritt in Richtung Normalität, jedenfalls hier im Süden.

Im Norden sieht es nach wie vor ganz anders aus. Oberflächlich scheint auch dort der Alltag langsam zurück zu kehren. Vielleicht entschließen sich in einigen Wochen auch die Banken, endlich wieder ihre Filialen in den Städten Timbuktu und Gao zu öffnen. Sie sind seit mehr als einem Jahr geschlossen. Geld muss man aus dem Süden mitbringen, nach wie vor. Das lähmt die Wirtschaft enorm. Dazu kommt die weiterhin schlechte Anbindung, die kaputten Straßen. Das UNHAS-Flugzeug hilf kaum und ist nur einer ausgewählten Gruppe an Menschen vorbehalten.

Was jedoch weit schlimmer sein dürfte, sind die Wunden, die die monatelange Besetzung hinterlassen haben. Gerade Frauen sprechen nicht gerne darüber. „Sie haben Schlimmes angerichtet“, sagen sie. Keine Details. Schlimmes heißt: Ehemänner, die nicht zurück gekommen sind, Vergewaltigungen, Plünderungen und massive Einschnitte bei persönlicher Freiheit. Hilfe dafür gibt es kaum, ein paar nichtstaatliche Organisationen zwar, die mit traumatisierten Frauen arbeiten, aber mehr nicht. Trotz alledem ist auch in der Stadt Gao ein klein wenig Hoffnung zu spüren oder Fatalismus. Schlimmer als das, was passiert ist, kann es nicht mehr werden.

Wichtigste Aufgabe des neuen Präsidenten – ob es nun Ibrahim Boubacar Keita oder Soumaila Cissé wird – dürfte nun sein, Mali wieder zusammen zu flicken und Schadensbegrenzung zu versuchen. Einen echten Neuanfang dürfte wohl erst die Wahl in fünf Jahren bringen. Dann dann wäre es durchaus möglich, dass eine neue Generation von Politikern antritt und nicht nur die alte Garde, die schon längst Premierminister, Parlamentspräsident oder Minister war.

 

 

 

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Kategorien: Mali

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