Mali in der Warteschleife

Knapp neun Monate sind es her, dass in Mali alles auf den Kopf gestellt worden ist, was sich nur auf den Kopf stellen lässt. Ein Staatsstreich, dem die Tuareg-Rebellion (neun Monate später nennt sie niemand mehr so) vorausgegangen war. Dann das Ausrufen des Staates Azawad durch die Befreiungsbewegung von Azawad (MNLA) und die überaus verheerenden Folgen. Die Kontrolle der Region haben längst andere übernommen: radikalen Islamisten, Terroristen, Banditen, Drogenhändler. So werden die neuen Herrscher in der Hauptstadt Bamako genannt.

All die Hoffnungen, dass der Staatstreich ein wenig Bewegung in die verfahrene Situation bringen könnte, sind längst dahin. Eine Woche nach dem Staatsstreich ist in der Hauptstadt noch für die Putschisten demonstriert worden. Natürlich, der Sturz des alten Präsidenten Amadou Toumani Touré (ATT) galt nicht gerade als mustergültig, demokratisch und legitim. Aber Mali hätte es schlimmer treffen können, so empfanden damals viele die politische Lage und verstanden die Kritik des Auslands nicht.

Knapp neun Monate später bin ich zurück nach Mali gekehrt. Auf den ersten Blick ist Bamako so wie immer: Die Restaurants sind geöffnet. Morgens und abends zu den Hauptverkehrszeiten sind die Brücken über den Niger verstopft. Am Straßenrand verkaufen Frauen große, hellgrüne Wassermelonen, junge Männer Guthaben, Taxifahrer sammeln in ihren gelben Autos Kunden ein.

Doch die Wut ist gestiegen und die Stimmung hat sich gedreht. Auf den ersten Blick ist all das nicht wahrnehmbar. Doch in jedem Gespräch – egal ob mit einem Taxifahrer, einem Hotelbesitzer oder einem Politiker – wird deutlich: Es gibt so viel Frust darüber, dass der Westen so lange braucht, bis er sich zu einer Entscheidung durchringt, dass immer noch diskutiert wird, dass niemand begreift: Weder mit der MNLA noch mit radikalen Islamisten lässt sich ein Dialog führen.

Am schlimmsten ist die Unsicherheit. Niemand weiß, was in den kommenden Wochen und Monaten passieren wird. Azima zum Beispiel, der mit seiner Frau und den drei kleinen Kindern nach Bamako gekommen ist. Er ist Tuareg, liebt seine Heimatstadt Timbuktu und schwärmt von ihr. So schön sei es dort, so toll. Einfach wundervoll. Wann er seine Heimatstadt wieder sehen kann, weiß er nicht. Oder Samba, der Sänger. 40 Menschen muss er da oben irgendwie ernähren, doch das Geld kommt kaum noch an. Ohnehin fehlen ihm die Einnahmen, um ausreichend Geld in den Norden zu schicken. Das große Dilemma ist zumindest im Süden noch nicht sichtbar. Es fühlt sich an wie ein leises Sterben auf Raten.

Es ist fast faszinierend, wie viel Geduld viele Menschen dennoch haben, wie schicksalsergeben sie sind, dass sie auch neun Monate später noch nicht explodieren und höchstens lauthals über den Platz der Unabhängigkeit brüllen und den Krieg fordern (http://www.kath.net/detail.php/detail.php?id=39227&print=yes).

Ob der neue Premierminister Hoffnung macht? Schwer zu sagen. Seine Nominierung jedenfalls ist in Mali wieder ein besser als im restlichen Teil der Welt aufgenommen worden. Diango Cissoko (http://www.taz.de/!107331/Bamako-Demonstration) könnte zumindest etwas Bewegung in die verfahrende Situation bringen. Doch wann das soweit ist, weiß in Mali noch niemand.

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