Boko Haram und kein Ende

Ostern ist es mal wieder soweit gewesen. Anschläge in Nigeria, besonders hart getroffen wurde dieses Mal die Stadt Kaduna, wo das Vertrauensverhältnis zwischen den Menschen seit Anfang 2000 äußerst porös ist. Anschließend ist es in weiteren Städten zu Explosionen mit mehreren Toten gekommen. Wirklich überraschend ist all das nicht gewesen, gelten christliche Feiertage doch als beliebtes Datum für Angriffe. Doch auch wenn es erst einmal keine weiteren Feiertage gibt, ist ein Ende nach wie vor nicht in Sicht. Denn offensichtlich ist Boko Haram nach wie vor nicht zu Gesprächen mit der Regierung bereit. Das hat die Gruppe deutlich gemacht, als kurzzeitig von einem möglichen Dialog zwischen ihr und der Regierung die Rede war. Doch es hat sich wieder einmal als heiße Luft entuppt, wie so oft, wenn nicht nur Autos, sondern auch die nigerianische Gerüchteküche brennt. Deshalb gilt weiterhin:

Die Regierung ist machtlos gegen Boko Haram

(erschienen in der April-Ausgabe des österreichischen Magazins Südwind)

Seit Monaten wütet die islamistische Sekte Boko Haram im Norden Nigerias. Doch nicht nur die zahlreichen Anschläge machen vielen Menschen Angst. Sie sind auch besorgt darüber, wie machtlos die Regierung gegenüber dem scheinbaren Phantom ist.

Schön ist es in Sabon Gari nicht. Die Straßen sind staubig, und die einstöckigen Wohn- und Geschäftshäuser mit ihren rostigen Wellblechdächern haben die beste Zeit längst hinter sich. Vom kleinen Fluss herauf, der sich durch das christliche Viertel der Millionenstadt Kano schlängelt, stinkt es bestialisch nach Fäkalien. An den Ufern türmen sich Müllberge. Trotzdem ist Sabon Gari früher vor allem am Wochenende ein beliebter Treffpunkt gewesen.

Predigerwettstreit

Abends öffneten hier die kleinen Bars, die heimlich Bier und Schnaps verkauften – weit weg von den Augen der Hisbah, jener Spezialpolizei, die über die Einhaltung der islamischen Lebensweise wacht. Sonntagmorgens lieferten sich christliche Prediger und Priester einen Wettstreit um die Gläubigen und ließen ihre Messen mit scheppernden Megaphonen auf die Straßen übertragen. Noch stehen die bunten Schilder mit den exotischen Namen wie Mountain of Fire and Miracle, Christ Embassy oder The Locust Army International Church an jeder Straßenecke; noch hoffen die BarbesitzerInnen irgendwann einmal wieder richtig Umsatz zu machen, am besten mit verbotenem Bier. Doch Kneipen und Kirchen bleiben leer. Den Kneipen ist die Sperrstunde, die täglich ab 18 Uhr beginnt, zum Verhängnis geworden und den Kirchen die Angst der Christen.

Bomben gegen das Wirtschaftszentrum Nordnigerias

Denn am 20. Jänner dieses Jahres spielte sich in Kano das ab, womit niemand gerechnet hatte. Die islamistische Sekte Boko Haram griff das Wirtschaftszentrum Nordnigerias an und zündete in verschiedenen Vierteln fast zeitgleich Bomben vor Polizeistationen und öffentlichen Gebäuden. Anfangs war die Rede von 186 Toten, wie viele in den Tagen danach in den Krankenhäusern starben, hat keiner gezählt.

Timothy Ezenduka hatte Glück: Niemand aus seiner Familie wurde verletzt oder starb sogar. „Auch aus unserer Kirchengemeinde hat es kein einziges Opfer gegeben“, sagt der Vorsitzende des Pfarrgemeinderates der katholischen Marienkirche von Sabon Gari. Dennoch ist die Angst vor neuen Übergriffen geblieben.

Dass Boko Haram irgendwann bis nach Kano vorstoßen könnte, hatte Priester Peter Ebidero schon bei unserem Gespräch im vergangenen September befürchtet. Die Gruppe, deren Name aus dem Hausa, der wichtigsten Sprache Nordnigerias, stammt und übersetzt etwa „Westliche Bildung ist Sünde“ bedeutet, hat damals zwar vorwiegend in ihrer Heimat, dem Bundesstaat Borno im äußersten Nordosten Nigerias, Terror verbreitet.

Große Taschen in der Kirche verboten

Mit dem Anschlag auf das Gebäude der Vereinten Nationen sowie das Polizeihauptquartier in Abuja hatte sie allerdings bereits Mitte 2011 gezeigt, wozu sie in der Lage ist. Schon damals meinte der katholische Geistliche: „Unsere Stadt ist nicht mehr so wie vor 15 Jahren.“ Und er erinnerte sich an seine Kindheit in Kano. Ebidero wuchs als Katholik in einer muslimisch geprägten Region auf.

„Selbstverständlich feierten meine muslimischen Freunde meine Priesterweihe mit mir“, erzählte er stolz und erklärte gleichzeitig die neue Strategie für seine Gottesdienste: Gerade hatte er große Taschen verboten, denn sie würden ein gutes Versteck für mögliche Sprengsätze bieten.

Jetzt, ein paar Monate später, gleicht die Marienkirche, in der Ebidero jeden Sonntag zwei Messen feiert, einem provisorischen Hochsicherheitstrakt. Drei Gemeindemitglieder bewachen sie. Mit einem Metalldetektor untersuchen sie jeden, der das Gelände betreten will. Hinter einem Passanten könnte sich schließlich ein Selbstmordattentäter verbergen, den Boko Haram geschickt hat.

Angst vor Moped-Taxis

Besonders groß ist die Angst vor Okada-Fahrern. Okadas heißen die in ganz Nigeria beliebten Moped-Taxis, auf denen Sekten-Mitglieder in den vergangenen Jahren häufig zu ihren Tatorten gerast sind. In einigen Städten wurden diese Fahrzeuge deshalb sogar verboten. Auch der 17-jährigen Ngozi Mary Nwobu ist nicht wohl, wenn sie die Zweiräder sieht. „Man weiß ja nie“, sagt sie schüchtern, spreizt die Arme weit von sich und lässt die Körperkontrolle über sich ergehen. „Wenn es unserer Sicherheit dient, mache ich das gerne mit.“

Solche Kontrollen sind seit Monaten allgegenwärtig. Im Norden sind sie nach den Anschlägen in Kano noch einmal verschärft worden. „Wir ermutigen die Kirchengemeinden dazu, sich selbst zu schützen“, erklärt William Okoye, der bei der Christlichen Vereinigung Nigerias (CAN) für nationale Angelegenheiten zuständig ist. CAN ist die Dachorganisation der christlichen Kirchen und hat ihren Sitz in der Hauptstadt Abuja. Auch dort wimmelt es mittlerweile von Polizisten. Niemand weiß genau, welche Stadt, welche Einrichtung das nächste Ziel der Terroristen ist.

Straßensperren verursachen Stau

In Kano haben die Beamten alle paar hundert Meter Straßensperren aufgebaut. Die Okada-Fahrer samt KundInnen müssen absteigen und ihr Zweirad durch die Kontrollen schieben. Jeder Autofahrer wird genau gemustert – und dann doch durchgewinkt. Nur ganz selten wird ein Kofferraum geöffnet, aber nie eine Handtasche durchsucht. Dafür bilden sich oft kilometerlange Staus auf den ohnehin schon verstopften Straßen.

Chinenye Paul arbeitet als Haushälterin in einem der besseren Wohnviertel von Kano. Obwohl sie manchmal bloß ein paar Tomaten, Zwiebeln und Kartoffeln auf dem Markt kaufen will, der nur ein paar Straßen entfernt liegt, muss sie drei- oder viermal vom Moped runter und hinter ihrem Fahrer hergehen. Chinenye ärgert sich: „Das ist doch lächerlich und bringt nichts. So findet man sie doch nicht.“

Warnung nicht ernstgenommen

Sie – das sind die Terroristen. Schon im April des Vorjahres, als Nigeria ein Marathon mit drei Wahltagen bevor stand, nannte der damalige Polizeichef Hafiz Ringim Boko Haram das größte Sicherheitsrisiko, mit dem Afrikas Riesenstaat zu kämpfen habe. Richtig ernst genommen hat diese Warnung offensichtlich niemand.

Auch als sich die Anschläge Ende Mai 2011 nach der Amtseinführung von Präsident Goodluck Jonathan, dem Christen aus dem Nigerdelta, mehrten, hieß es von Regierungsseite bloß, man habe das Problem im Griff. Hafiz Ringim wurde Anfang des Jahres gefeuert – er hätte zu wenig für die Terrorismusbekämpfung getan.

Phantom Boko Haram

Doch gegen wen kämpft Nigeria überhaupt? Es ist, als ob das Land bei dieser Frage bloß mit den Schultern zuckt. Boko Haram scheint ein Phantom zu sein, über das jeder spricht und das fast täglich für neue, blutige Schlagzeilen sorgt. „Aber keiner kann wirklich sagen, wer Boko Haram tatsächlich ist“, sagt Hussaini Abdu, Landesdirektor der nichtstaatlichen Organisation ActionAid.

Genau das heizt die Spekulationen an. Mutmaßliche Sprecher der Gruppe, die gerne Journalisten anrufen, erklären ab und zu, dass sich wichtige Politiker hinter Boko Haram verbergen. Ende 2011 soll sogar Präsident Jonathan gesagt haben, bis in die höchsten Regierungskreise hinein würde es SympathisantInnen geben.

Fakt ist, dass die Gruppe Boko Haram ihre Wurzeln in der Stadt Maiduguri hat. Sie soll vor vermutlich zehn Jahren von Mohammed Yussuf gegründet worden sein. Als dieser 2009 erst verhaftet und später tot aufgefunden wurde, radikalisierten sich die Mitglieder, zerstreuten sich und schlugen umso härter zurück – aus Rache für den Tod ihres Führers. Offiziell heißt es, ihr Ziel sei die Islamisierung des ganzen Landes.

Das wäre ein eklatanter Verstoß gegen die Verfassung, die Nigeria als säkularen Staat bezeichnet, in dem sich außerdem rund die Hälfte der schätzungsweise 160 Millionen EinwohnerInnen zum Christentum bekennen. „Eine solche Forderung ist selbstverständlich niemals umsetzbar“, sagt Abdu.

Muslimische Verbände verurteilen Terror

Nicht einmal die muslimische Gemeinschaft denkt darüber nach. Muslimische Verbände, Imame und der geistliche Führer der nigerianischen Muslime, Mohamed Sa’ad Abubakar, der Sultan von Sokoto, lehnen solche Vorstöße ab und kritisieren den Terror. Er sei unislamisch und mit dem Koran nicht zu vereinbaren. Viele Muslime stört allerdings die häufig verkürzte und vereinfachte Darstellung der Ereignisse.

Buba Galadima, ein nigerianischer Politiker der größten Oppositionspartei CPC („Kongress für progressiven Wandel“), ärgert sich auch darüber. „Die ganze Welt denkt doch jetzt, dass alle nigerianischen Muslime Terroristen sind“, schimpft er. Natürlich würden auch Kirchen angegriffen. „Aber wenn die Leute von Boko Haram Soldaten oder Polizisten ermorden, fragen sie doch nicht erst nach ihrer Religionszugehörigkeit.“

Die Anschläge von Boko Haram passieren schnell und sind vor allem spektakulär, verbunden mit deutlichen Botschaften, erklärt ActionAid-Leiter Abdu. „Jedes Mal soll ein ganz bestimmter Nerv getroffen werden. Mit Kano haben sie gezeigt, wie verwundbar das größte Wirtschaftszentrum des Nordens ist. Als sie beispielsweise vergangenes Jahr das Hauptquartier der Polizei angriffen, hieß das: Niemand ist mehr sicher in Nigeria. Selbst die Polizei ist verwundbar.“

Immer mehr Banküberfälle

Damit habe sich die Gruppe in eine Gewaltspirale begeben, aus der sie nicht mehr herauskommen würde. „Sie wird immer anarchistischer.“ Ein Zeichen dafür sei auch, dass Mitglieder der Gruppe häufig Banken überfallen, um ihre Finanzierung zu sichern.

Wahrscheinlich scheint inzwischen auch eine Unterstützung durch AQMI, der Al Kaida im islamischen Maghreb. Seit Monaten war darüber spekuliert worden. Ende Jänner nannte nun auch der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen diese Verbindung für möglich. Unter anderem könnten die Terroristen so mit Waffen versorgt werden.

Peter Ebidero hat die Schüsse am 20. Jänner gehört. Gemeinsam mit anderen Gläubigen versteckte er sich die Nacht über in einem Pfarrzentrum, das direkt hinter der größten Polizeistation der Stadt liegt. Wochen später ist er erst zur Ruhe gekommen. Doch die Schüsse wollen ihm nicht aus dem Kopf gehen. „Sie stammten nicht von Waffen, die es üblicherweise in Nigeria gibt. Über so etwas verfügt unsere Polizei gar nicht“, meint er.

Egal, ob AQMI oder eine andere Gruppe ihre Finger im Spiel hat, egal, woher die Waffen kommen. Wochen nach dem furchtbaren Anschlag will er wieder daran glauben können, dass es keine zweite Terrornacht in Kano geben wird. „Dafür bete ich ganz fest.“

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Kategorien: Nigeria

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