Willkommen im Putsch

Pays Dogon, Dorfleben in Mali

Wer hätte das gedacht? Plötzlich ist Mali im Zentrum des Geschehens – Putsch sei Dank. Hätte mir vor einer Woche jemand gesagt, in Westafrikas Musterdemokratie – zugegeben haben diesen Titel auch schon andere Länder erhalten, manchmal frage ich mich, ob der ganze Kontinent in Wirklichkeit mustergültig ist – putscht das Militär am 21. März, ich hätte müde gelächelt. Schlechter Witz. Eigentlich gar keiner.

Ganz ähnlich hat es sich sogar noch am Mittwochabend angefühlt, als die ersten Meldungen vom gestürmten Präsidentenpalast und dem besetzten Staatsfernsehen auftauchten (http://www.reporter-ohne-grenzen.de/presse/pressemitteilungen/meldung-im-detail/artikel/-d27c3f5034/). Der schlecht ausgerüsteten und ausgebildeten Armee hätte ich es nie zugetraut. Schließlich kämpfen sie doch seit Mitte Januar auf ziemlich verlorenem Posten. Im Norden hätten sie die Rebellion der Tuareg-Armee MNLA niederschlagen und gleichzeitig AQMI, Al Qaida im Islamischen Maghreb, bekämpfen sollen. Hört sich nach einer Kleinigkeit an, oder? Stattdessen haben sie ausgerechnet jenen Mann zum Sturz gebracht, der sie damit beauftragt hat – die Ironie des Schicksals.

Der Putsch ist Wirklichkeit geworden – und gleichzeitig extrem unwirklich. So hat er sich für mich gestern in Sevare und Bandiagara angefühlt (http://www.taz.de/Umsturz-in-Mali/!90224/). Bamako ist für die Menschen vor Ort so weit weg. Für viele, die in den Dörfern im Dogon-Land leben, ist schon der Besuch in der größten Stadt der Region, in Bandiagara, eine Seltenheit. Sie haben ganz andere Probleme. Die Nahrung fehlt. Zwar lassen sich Fisch, Gemüse und Hirse auf den Märkten kaufen, doch die Preise sind in die Höhe geschossen. Viele haben einfach nicht das Geld dafür. Der Putsch wird ihr Leben sicherlich im Moment nicht verändern.

Auf der anderEin Mädchen verkauft im Dogon Land Erdnüsse.en Seite sind da die Gerüchte aus Bamako: Soldaten plündern, stehlen Autos. Viele Tankstellen sind dicht. Wer Glück hat und eine geöffnete findet, muss mit langen Schlangen rechnen. Ob die Situation in den kommenden Tagen eher verschärft oder beruhigt, steht völlig in den Sternen. Beides ist möglich. Im Moment würde ich nicht einmal um Pistazieneis auf das eine oder andere Szenario wetten wollen.

Das gilt auch für meine Weiterreise. Eigentlich will ich Sonntagabend in den Senegal aufbrechen, um dort die alles entscheidende Stichwahl um Präsident Abdoulaye Wade mitzuerleben. Doch dass die Grenzen bis dahin wieder geöffnet sind, ist mehr als unwahrscheinlich. Bis dahin bleibt mir nur eins. Ich ziehe mich zum Schreiben im Soleil de Minuit (http://segou-mali.net/spip.php?article25) im wunderschönen Segou zum Schreiben zurück, bestelle richtigen Filterkaffee, höre den Eselglöckchen zu und harre der Dinge, die da kommen.

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Kategorien: Mali

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