Sicherheitskontrollen in Flipflops

Straßensperre in der Stadt Warri im Nigerdelta in Nigeria

Die Tageszeitungen haben es schon Mitte der Woche angekündigt: Die nigerianische Regierung setzt künftig so viel Militär wie noch nie zuvor in Friedenszeiten (seit Ende des Biafra-Krieges im Jahr 1970, als sich die Region Biafra vom restlichen Nigeria lösen wollte) ein, um einigermaßen für Sicherheit zu sorgen – oder zumindest um den Anschein zu wahren, man unternehme etwas gegen die islamistische Sekte Boko Haram.

Deshalb sind gerade 1200 weitere Soldaten in den Bundesstaat Plateau geschickt worden, wo es vor allem in der Hauptstadt Jos seit Anfang des Monats wieder brodelt. Doch nicht nur die einstmals so schöne, grüne Erholungsstadt im Zentrum des Landes ist betroffen. Im ganzen Norden, aber auch in der Wirtschaftsmetropole Lagos sind die Soldaten. Die Tageszeitung Daily Trust zitiert deshalb einen anonymen Offizier, der sagt: „Wir haben keine Soldaten mehr in den Kasernen.“

Das habe ich gespürt als ich gestern von Kano zurück in die Hauptstadt Abuja gereist bin. Wenn es gut läuft, lässt sich die rund 450 Kilometer lange Strecke in fünf Stunden zurück legen. Es ist ein wenig abhängig davon, wie lange man in Kaduna im Stau steht. Gestern lief Kaduna bestens. Trotzdem war ich acht Stunden unterwegs, der Arbeitstag war somit hin. Dabei fing alles so vielversprechend im Motorpark von Naiwaba im Süden der Stadt an. Ein ziemlich funktionstüchtiger Golf und keine Diskussion darüber, ob auf dem Beifahrersitz nun zwei oder nur eine Person sitzen sollten. Ich hatte ihn für mich. Und das war wohl auch der Fehler. Denn wenn das Auto mit nur fünf Menschen beladen wird (ein Fahrer und vier Mitreisende, das ist übrigens europäischer Standard), dann werden die Tickets teuer, 2000 Naira – umgerechnet knappe zehn Euro – in unserem Fall. Deshalb ist auch das Interesse an dem roten Golf mäßig gewesen, obwohl er sogar noch ein funktionierendes Kassettendeck hatte (wann findet man so etwas noch in Deutschland?).

Der erste Check auf dem schmuddeligen Busbahnhof

Zwei Stunden später sind wir endlich los gefahren – und gleich der erste Sicherheitscheck am Ausgang des Busbahnhofs. Anhalten, Kofferraum auf und nach der möglichen Bombe suchen. So etwas gab es noch nicht in den schmuddeligen Motorparks, wo ansonsten vor allem unzählige Händler und bettelnde Jungs ihr tägliches Glück versuchen.

Die ganze Fahrt über ist es so dann auch geblieben. Ständig kündigten sich Staus an, die sich als Militärposten erwiesen. Etwa die Hälfte war übrigens unbesetzt und hatte allenfalls die schöne Nebenwirkung, dass die Fahrer ihr halsbrecherisches Tempo drosseln mussten. Wie wäre es mit Militärposten in jedem Dorf, das an einer der großen Überlandstraßen liegt? Die Hinweisschilder auf Menschen, die möglicherweise die Straßen überqueren, helfen nämlich nicht. 120 Stundenkilometer sind die Regel. Aufs Gaspedal und hupen, was das Zeug hält. Dabei wären diese Metallfässer extrem wirkungsvoll. Sie machen Eindruck – sicherlich allerdings nicht auf Terroristen.

Der Präsident im Kofferraum

Etwas mehr Einsatz haben Militär und Polizei allerdings vor Abuja, der künstlichsten Hauptstadt des Kontinents, die scheinbar immer mehr zum Hochsicherheitstrakt werden soll, gezeigt. Anhalten, Kofferraum öffnen, Kofferraum wieder schließen und weiter fahren. Ich warte immer auf den Moment, in dem ich gefragt werde, was im Kofferraum ist und dann antworten kann: „Ich habe gerade Goodluck Jonathan entführt. Wollt Ihr ihn sehen?“ Noch kann ich es mir verkneifen, denn mit den Sicherheitskräften in militärgrünen Uniformen und Flipflops – so viel Stil muss sein – ist nicht zu spaßen.

Das habe ich auch am letzten Checkpoint gemerkt: Jedes Auto musste anhalten. Allerdings war ich die einzige, die auch noch aussteigen und den Rucksack öffnen musste. Vielleicht Neugierde? Nach dem Finden meines Schmutzwäschebeutels (er liegt immer oben auf und ich sage mit verzogener Miene: Vorsichtig: dreckig) hat der Soldat allerdings sofort das Interesse verloren. Oder wollte er mir beweisen, dass es Nigeria sehr ernst mit der Sicherheit nimmt? Es wird ein ewiges Rätsel bleiben. Eins ist allerdings mal wieder mehr als deutlich geworden: Sicherer dürfte sich durch diese Kontrollen wohl niemand finden.

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Kategorien: Nigeria

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