Terror gegen westliche Bildung

Schilder der Hisbah, der Islam-Polizei, in Kano.

Kano – Fast täglich macht die islamistische Sekte Boko Haram mit neuen Anschlägen Schlagzeilen. Viele Nigerianer fragen sich angstvoll, wo die nächste Bombe hochgehen könnte. Das Gefühl der Verunsicherung wächst. „Boko Haram kann überall sein“, sagt Bischof John Namanzah Niyiring. „Wir wissen nicht, wie die Mitglieder aussehen.“

Niyiring, 51-jähriger Leiter der Diözese Kano im Norden Nigerias, spricht aus, was viele Nigerianer fürchten. Denn die Liste der möglichen Tatorte, so spekulieren die lokalen Medien, ist lang: Vielleicht könnte die Islamistengruppe, deren Name übersetzt „Westliche Bildung ist Sünde“ bedeutet, künftig im ölreichen Nigerdelta zuschlagen. Ebenfalls genannt werden die Megacity Lagos im Süden sowie die beiden Städte Kano und Kaduna im Norden. „Deshalb ist die Gruppe eine Gefahr für jede Region in Nigeria geworden“, sagt der Bischof.

Dabei beruhigt es wenig, dass die Gruppe seit den Anschlägen auf das Hauptquartier der Vereinten Nationen in Abuja ein Gesicht bekommen hat. Bis zu dem Attentat Ende August mit 23 Toten war Boko Haram ein Rätsel. Nun vermuten Polizei und Sicherheitsdienst den mit dem Terrornetzwerk El Kaida verlinkten Mamman Nur hinter der August-Bombe. Inzwischen ist er die am meisten gesuchte Person in dem afrikanischen Riesenstaat. 25 Millionen Naira – umgerechnet knapp 116.000 Euro – hat der Staatssicherheitsdienst (SSS, State Security Service) am Wochenende für seine Ergreifung ausgelobt – bislang ohne Erfolg.

Trotz des brutalen Vorgehens der Sekte, die nach dem Angriff auf die UN weitere Terrorakte in ihrer Hochburg in der Stadt Maiduguri im Nordosten des Landes verübte, setzt Bischof Niyiring auf einen Dialog. „Es ist wichtig, die führenden Köpfe zu identifizieren und zu verstehen, welche Ziele Boko Haram tatsächlich verfolgt. Worum geht es wirklich? Und was sagen sie über Religion, über die Gesellschaft und die Regierung?“, fragt der Kirchenmann.

Ein weiteres Problem sieht er aber auch bei den Nigerianern selbst. „In den vergangenen Jahren hat sich kein Politiker die Mühe gemacht, die Gesellschaft zu verändern.“ Und diese scheint vor allem im Norden des Landes vor unüberwindbaren Problemen zu stehen. Das Bildungssystem ist extrem marode. Auch nach dem Besuch einer weiterführenden Schule oder sogar mit einem Hochschulabschluss haben viele junge Menschen kaum Chancen auf einen Job. „Das Bildungssystem hat versagt. Deshalb ist Boko Haram so stark“, zitiert die Tageszeitung „The Punch“ Timipre Sylva, Gouverneur des Bundesstaates Bayelsa, aus dem auch Präsident Goodluck Jonathan stammt.

Sylva verweist als Beleg auf seine Heimat, das Nigerdelta. Über viele Jahre ist es dort regelmäßig zu Anschlägen verschiedener Rebellengruppen gekommen, die sich nach eigenem Bekunden für eine fairere Verteilung der Ölgewinne einsetzten. Seit einiger Zeit ist es dort allerdings ruhiger geworden. Ein Grund dürften die zahlreichen Amnestieprogramme der Regierung sein, mit denen die Rebellen zur Abgabe der Waffen bewegt werden sollten. Im Gegenzug dazu erhielten sie eine staatlich finanzierte Ausbildung.

Doch ob sich das Modell auf Boko Haram übertragen lässt, erscheint vielen Beobachtern fraglich. Außerdem wird Kritik lauter, dass die Regierung mit Terroristen verhandelt, die möglicherweise mit El Kaida zusammenarbeiten.

Das haben nun auch die katholischen Bischöfe bei einem Treffen am Wochenende betont. „Wir warnen die Regierung davor, unbekannten Kriminellen und Mördern ein Amnestieangebot zu machen“, heißt es. Eine solche Geste sei eine Zeitbombe für das Land. Kritik üben die Kirchenführer auch an dem Umgang der politischen Verantwortungsträger mit Terror und Gewalt: Ihr Vorgehen zeige nur einmal mehr, wie schwach das Sicherheitssystem sei.

Katholische Nachrichten-Agentur (www.kna.de) vom 20. September 2011.
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Kategorien: Nigeria

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