Der unheimliche Automat

Spielkarten in Benin, Ass

Nach unzähligen Besuchen bei Einwanderungsbehören und Botschaften habe ich mich für einen echten Profi gehalten – Profi in Sachen Visa- und Aufenthaltsgenehmigungsbeschaffung, habe ich doch alleine in Nigeria die Einwanderungsbehörde in den vergangenen 14 Monaten mindestens 20 Mal besucht. Statistisch gesehen sind das etwas anderthalb Besuche pro Monat. Von den Passbildern ganz zu schweigen. Es müssten an die 40 gewesen sein.

Die Zahl jagt mir einen kleinen Schauer über den Rücken, denn die Besuche sind alles andere als angenehm und erstrebenswert, im Gegenteil: Sie sind nervig, unangenehm und zeitaufwendig, liegt die Immigration doch rund 40 Kilometer außerhalb Abujas. Meist sind sie gekrönt von Mitarbeitern, die ohne einen kleinen finanziellen Anreiz keine Lust haben, nach meinen Papieren zu suchen, die sagen, ich müsse mir die entsprechenden Stempel von der nigerianischen Botschaft in Berlin holen und mir gerne mal mit der sofortigen Ausreise drohen.

Lächeln fürs Visum

Ich habe gelernt, freundlich zu bleiben, zu lächeln und zu erklären, wie gerne und freiwillig ich doch in Nigeria bin. Denn anders als die meisten Expats hat mich niemand geschickt, niemand hat mich gezwungen, fortan einen großen Teil meiner Arbeitszeit in Afrikas Riesenstaat zu verbringen. Meistens zieht es, und dann gibt es sogar das eine oder andere anerkennende Nicken. Eins darf man schließlich nicht vergessen: Ich bin wohl eine der ganz wenigen Weißen, die die Mitarbeiter persönlich sehen. Die allermeisten Firmen schicken lokale Mitarbeiter, die ausgestattet mit dem entsprechenden Geld, Kontakten und den Unterlagen der Expats für die Papiere sorgen müssen. Nigeria habe ich also zweimal schon geschafft: alleine und ohne einen finanziellen Zuschuss.

Nun ist Benin an der Reihe. Es ist ein Nachbarland, doch die Spielregeln sind komplett anders. In Nigeria hat sich niemand je nach meinem Gesundheitszustand erkundigt. In Benin hatte ich eine Woche lang einen blauen Fleck an jener Stelle, an der mir eine Labormitarbeiterin im Gesundheitszentrum der Polizei Blut abgenommen hat. Schließlich brauche ich einen frischen HIV-Test und die Bescheinigung eines Arztes, der mich nach meinem Wohlbefinden gefragt hat.

Doch das reicht selbstredend nicht aus. Einen Tag später musste ich mir bescheinigen lassen, dass ich sowohl in Fidjrosse – es ist mein wunderschönes Viertel, das direkt am Meer liegt – als auch in Cotonou lebe. Das erste Büro lag hier gleich um die Ecke, nur ein paar Häuserblocks weiter. Es war irgendein Hinterhof, den ich nie im Leben alleine gefunden hätte. Natürlich gab es kein Schild, dafür für schlappe 1000 Cefa – umgegerechnet knappe zwei Euro – ein in sauberer Schreibschrift ausgefülltes Formular mit meinem Namen und meiner Adresse. Das wiederum ist nötig für den Besuch im Rathaus, um die große Bescheinigung zu bekommen. Als Echtheitszertifikat haben aufgeklebte Marken gedient, die an Briefmarken aus den 1950er und 1960er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erinnert haben.

Ein Führungszeugnis aus Deutschland

Und dann? Warten auf das polizeiliche Führungszeugnis auf Deutschland, das ins Französische übersetzt werden muss. Gleiches gilt für das Abschlusszeugnis der Universität. Man möchte schließlich einen Nachweis, dass ich Journalistin bin. Eigentlich ist das alles ganz leicht, stehen doch auf dem Führungszeugnis genau zwei Worte: keine Eintragungen. Die Übersetzung – aus dem Außenministerium höchstpersönlich – braucht dennoch eine Woche. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Zahlen der Kaution für mein Rückflugticket. Das Land möchte schließlich eine Sicherheit haben, damit es mich bei irgendwelchen Dummheiten auf meine Kosten zurück nach Deutschland schicken kann. Doch der trésor public – die Staatskasse – hat nur noch zweimal pro Woche geöffnet. Und wenn montags oder freitags Feiertag ist (und das ist im August gleich zweimal passiert) folglich nur noch an einem Tag. Feiertage werden hier grandios nachgeholt: Sobald einer auf einen Samstag oder Sonntag fällt, ist der Montag automatisch frei. Bei Arbeitstagen ist das nicht so.

Aber irgendwann habe ich es schließlich geschafft und hatte alle Papiere beisammen. Quasi als Dank dafür hat einer der beiden Mitarbeiter dann sogar ein paar Brocken Schuldeutsch für mich rausgekramt: „Wo wohnen Deine Eltern?“, hat er grinsend gefragt. Das wollte seit Jahren niemand mehr wissen.

Man darf allerdings nicht meinen, ich hätte meine carte de séjour bereits. Vier Wochen sind zwar rum, doch noch ist sie nicht fertig. Woher ich das weiß? Jedenfalls nicht von jenem Mitarbeiter, der ein bisschen Deutsch spricht, sondern vom Automaten. Dieser steht dem Hof der Einwanderungsbehörde und ist mir fast ein wenig unheimlich. Mit so viel Technik und Professionalität habe ich in Westafrika schließlich nicht gerechnet. Aber es ist ganz einfach: Abholschein mit Barcode reinstecken und dann tauchen mein Foto und alle persönlichen Daten auf. Leider ist auch eins aufgetaucht: der  Hinweis darauf, dass meine Aufenthaltsgenehmigung noch nicht fertig ist. Aber das kann ja noch werden.

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Kategorien: Benin

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