Und wieder Boko Haram

Autowracks vor dem Polizei-Hauptquartier in Abuja nach dem Anschlag von Boko Haram am 16. Juni 2011.

Es geht nicht anders: Mein Blog braucht eine neue Kategorie: Terrorismus, konkret sollte sie eigentlich heißen: Terrorismus in Nigeria. Denn genau das passiert im Moment in Afrikas Riesenstaat und hat nun erstmalig die internationale Gemeinschaft erreicht. Möglich gemacht durch den gestrigen Boko-Haram-Angriff auf das UN-Hauptquartier in Abuja.

Knapp 24 Stunden später fühlt sich all das noch ein wenig unwirklich an. Ein bisschen wie eine Blase, die Blase der Sprachlosigkeit. Dass Nigeria ziemlich sprachlos ist, haben viele Menschen kurz nach den Anschlägen bewiesen. Sie wollten es nicht kommentieren. Bemerkenswert ist auch, dass man sich mit Schuldzuweisungen zurück gehalten hat, auch von christlicher Seite, die gerne gnadenlos gegen Islamisten und somit auch Boko Haram wettert. Dabei ist es für viele Beobachter von Anfang an ziemlich klar gewesen, wer dahinter steckt. Eigentlich kann es nur Boko Haram sein.

Eine andere Terror- oder Rebellengruppe, die derzeit in Nigeria zu Anschlägen mit einem solchen Ausmaß in der Lage wäre, gibt es nicht. Es würde auch nicht zu den Nigerdelta-Rebellen passen. Bei denen sind zwar die multinationalen Öl-Konzerne verhasst, doch internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen könnten eher als Helfer in der Not angesehen werden. Schließlich kümmern diese sich – wie etwa bei der jüngst vorgestellten UNEP-Studie zur Situation im Ogoniland (https://unterwegsinafrika.wordpress.com/2011/08/05/shell-zahlt-fur-olpest-in-nigeria/, http://hqweb.unep.org/newscentre/Default.aspx?DocumentID=2649&ArticleID=8827&l=en) – offensichtlich mehr um die Belange der Bewohner als die nigerianische Regierung selbst. Immerhin kritisieren sie die Multinationalen wie Shell offen.

Außerdem reiht sich der Selbstmordanschlag in das neue Boko-Haram-Bild ein, das die Gruppe zum ersten Mal am 16. Juni präsentiert hat. Ziel damals ist das Polizei-Hauptquartier, das ebenfalls im Zentrum Abujas liegt, gewesen (http://www.taz.de/!72645/). Boko Haram hat zum ersten Mal eine Grenze überschritten. Die Gruppe hat ihre Heimat, den Bundesstaat Borno verlassen, und sich auf die Hauptstadt konzentriert. Nun geht es nicht mehr gegen nigerianische Behörden, sondern gegen die internationale Gemeinschaft, wie Außenministerin Viola Onwuliri gestern Nachmittag verkündet hat.

Und doch ist es auch ein Anschlag gegen Nigeria. Denn das Land versucht einen Ruck in Richtung Westen bzw. Norden. Eine Idee, die bei Boko Haram verhasst ist, lässt sich deren Name doch am besten mit „Westliche Bildung ist Sünde“ übersetzen. Westen, Europa und vor allem die Vereinigten Staaten? Geht gar nicht. Nicht von ungefähr kommen deshalb auch die Anschläge auf die Biergärten in Maiduguri, Bornos Hauptstadt. Auf wenig Begeisterung dürften aber noch zwei Dinge stoßen: Zum einen bemüht sich Präsident Goodluck Jonathan nun vermehrt um ausländische Investoren, will er doch für ein gutes Wirtschaftsklima sorgen. Unternehmen aus dem Nahen Osten spricht er dabei wohl kaum an. Zum anderen hat Jonathan am Dienstag verkündet, die nigerianische Regierung würde die Rebellen in Libyen nun als rechtmäßige Vertreter des Volkes anerkennen. Gaddafi solle abdanken – eine Meinung, die weite Teile der internationalen Gemeinschaft teilen.

Boko Haram hat aber noch eins geschafft: Die Gruppe hat gezeigt, dass Nigeria offensichtlich nicht sicher genug ist. Polizei und Militär schaffen es nicht, für einen ausreichenden Schutz zu sorgen. Nigeria ist blamiert, mal wieder Nigeria, wo es ständig und andauernd knallen kann. Im internationalen Ansehen ist das Land jedenfalls weiter nach unten gerutscht. Und auch deshalb ist es ein Anschlag gegen Nigeria gewesen.

Was bleibt uns? Ein Gebäudekrater, der an mindestens 25 Tote und viele Verletzte erinnert und ein Präsident, der mal wieder verkündet, mit aller Macht und Kraft den Terrorismus in seiner Heimat zu bekämpfen. Auf praktikable Vorschläge warten wir aber weiterhin.

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Kategorien: Nigeria

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