Alles Voodoo

Museum in Essen "Soul of Africa", Voodoo in Benin

Der westafrikanische Kult ist für Henning Christoph mehr als nur ein alter Götterglaube. Es ist eine Lebenseinstellung. Dieser hat er ein eigenes Museum gewidmet – in Essen.

Es waren die Trommelklänge, die Henning Christoph faszinierten und nicht wieder losließen. „Trommeln, wie ich sie zuvor noch nie in Afrika gehört hatte“, erinnert er sich. Sie drangen von einer kleinen Insel auf dem Lac Nokoué durch die afrikanische Nacht zu ihm. Damals saß Christoph, der für das Magazin „Geo“ im westafrikanischen Benin eine Reportage verfassen sollte, mit einem französischen Missionar auf dessen Veranda.

Als die beiden die Trommeln in der Ferne hörten, schwieg der Geistliche und wollte nicht erzählen, was es damit auf sich hatte. Irgendwann überwand er sich und sagte knapp: „Der Teufel.“ Henning Christoph beschloss, zu ihm zu gehen. Dort beobachtete er heimlich, wie Männer in Baströcken tanzten und sich tiefe Wunden in den Körper schnitzten. Auf der Rückfahrt  sagte ihm sein Bootsmann, das sei Voodoo. Auch der Missionar wollte wissen, was sein Gast erlebt hatte. „Voodoo“, sagte Christoph, der Priester kramte seinen Rosenkranz aus der Tasche und der entdeckungslustige Deutsche wusste: „Ich muss wieder hin.“

Henning Christophs erste Begegnung mit dem alten afrikanischen Götterglauben liegt mehr als 30 Jahre zurück. Seitdem hat er sich intensiv damit beschäftigt, den Priestern zugehört, sie beobachtet, Zeremonien fotografiert und eine beachtliche Sammlung von Kultgegenständen zusammengetragen, die er heute in seinem Museum „Soul of Africa“, die Seele Afrikas, zeigt.

Seine Ausstellungsräume liegen ganz nüchtern an der Rüttenscheider Straße in Essen. Von außen deutet nichts auf diese Welt hin, die den meisten Europäern fremd ist. Doch sobald die schwere Tür aufgeht, stehen die Besucher plötzlich mitten in Westafrika und vor Christophs Mami-Wata-Altar. Er ist das Prunkstück der Sammlung und spiegelt auch ein bisschen Henning Christophs Begeisterung
für die Göttin wider.

Auf und vor dem Altar stehen kleine Figuren, die die Göttin symbolisieren, daneben finden sich aber auch Shampoo, Erdnüsse, Zigaretten, Geld und Sekt. Das, was Frauen eben lieben. „Mami Wata ist vom Kongo bis nach Niger bekannt und in den Voodoo-Gebieten eine sehr gütige, aber auch materialistische Göttin, bei der Frauen alles dürfen“, sagt der Afrika-Kenner. Wenn die Frauen Geldsorgen haben oder nicht schwanger werden können, gehen sie zu Mami Wata, um zu beten und zu opfern.

Wer nach Benin reist, stolpert über die beliebte Göttin, die gerne als Nixe mit langen, dunklen Haaren dargestellt wird. Das Land mit den gut neun Millionen Einwohnern gilt als die Wiege des afrikanischen Voodoo und hat den Glauben unlängst als eigene Religion anerkannt.

Damit ist Voodoo wieder im Alltag angekommen und hat nicht nur etwas mit exotischen Zeremonien und wilden  Trommelklängen zu tun. Voodoo ist ebenso eine Beratung, die Dah Aligbonon regelmäßig erteilt. Seit ewigen Jahren ist der hagere Mann Voodoo-Priester und empfängt im Hinterhof seines Hauses in der Wirtschaftsmetropole Cotonou Gäste aus aller Welt – darunter sogar den einen oder anderen katholischen Geistlichen. Alle wollen sie LebenshilfeLebenshilfe, praktische Tipps für den Alltag. Aligbonon gibt sie ihnen – gegen ein bisschen Bargeld. Wie war das noch mit der materialistischen Göttin Mami Wata, die etwas weiter abseits an eine Wand gemalt ist?

Die Wassergottheit ist aber nur ein Teil des Götterpantheons. Dieser lässt sich ein wenig mit der germanischen Götterwelt vergleichen. Es gibt einen Schöpfergott, der – je nach männlichem oder weiblichen Erscheinungsbild – Mawu oder Lissa heißt und viele Kinder hat. Diese wiederum haben alle eigenen Aufgabenbereiche, schützen etwa Schmiede oder Bauern. Deshalb wirkt das Wort Voodoo, das aus der Sprache der Fon, der größten Volksgruppe Benins, stammt, fast ein bisschen zu schnöde. „Es heißt so viel wie Gott oder Gottheit“, sagt Henning Christoph. Doch dahinter verbirgt sich noch eine Bedeutung: „Das, was ich nicht verstehen kann.“

Einige Geheimnisse haben sich auch nach 30 Jahren für den Ethnologen nicht gelüftet. Es sind nicht nur mächtige, gutmütige, aber auch
zürnende Götter, die es ihm angetan haben. Es ist vor allem das reiche Wissen über afrikanische Pflanzen, die bei Zeremonien und zur  Heilung eingesetzt werden. Lange hat der Deutsche die Kräuter gemeinsam mit zehn Heilern und zwei Ärzten akribisch dokumentiert und eine Apotheke mit gut 250 Rezepturen aufgebaut.

In diesem Bereich will er auch künftig forschen – in Kamerun, wo er regelmäßig mit einer Gruppe Pygmäen, die noch als Nomaden lebt, durch den Regenwald streift. Die Zeit drängt. Denn anders als für Voodoo, das eine Wiedergeburt erlebt, sieht Henning Christoph für die Pygmäen wenig Chancen. Ihr Lebensraum verschwindet. „Ich gebe ihnen vielleicht noch zehn Jahre. Dann ist es aus.“ Mami Wata wird sie überleben.

VOODOO
Voodoo geht von dem Glauben aus, dass alles in der Natur von Göttern und Geistern beseelt ist. Diese beeinflussen das Leben und die Geschicke der Menschen. Der Glaube ist weder schriftlich festgehalten, noch gibt es bestimmte religiöse Vorschriften. Gleichwohl kennt er viele Rituale, darunter die Befragung von Orakeln oder das Versetzen in Trance, um Verbindung zu den Göttern aufzunehmen. Dazu dienen oft Tänze, die bis zur Ekstase gehen.

Erschienen in der Rheinpfalz am Sonntag am 21. August 2011.
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Kategorien: Benin

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