Nigeria? Nun ja…

So einen schönen Arbeitsplatz hatte ich lange nicht mehr. Knapp zwei Autostunden von Cotonou entfernt sitze ich seit gestern Abend in Possotomé und schaue von meinem kleinen Hotel aus auf den unglaublich riesigen Lac Ahémé (www.lacaheme.com/). Die Terrasse ist groß, der Wind angenehm frisch und das Dorf freundlich. Endlich hupen mal keine Mopeds, endlich dröhnt nicht immerzu und überall Musik über die Straße, endlich weckt mich morgens mal keine Brotverkäuferin mit ihrem lauten, durchdringenden Ruf nach frischem Baguette. Stattdessen plätschert das Wasser sanft vor sich hin und lädt mehr zum Faulsein als zu allem anderen ein.

Trotzdem hat es keine zehn Minuten gedauert, und ich bin gedanklich wieder in Nigeria gewesen. Ein kurzes Gespräch mit dem Gastgeber hat dafür gereicht. Was ich wo mache, wollte er wissen (und sprach ein ausgesprochen gut verständliches Französisch). Das Wörtchen Nigeria hat ihn zum Reden gebracht. „Herzlichen Glückwunsch! Das ist verdammt mutig“, sagte er mir, und das Weiß in seinen Augen schimmerte. Nicht, dass er je selbst in Nigeria gewesen sei, aber er kennt das Leben dort und die Geschichten, jede einzelne. „Nigeria ist gefährlich, und die Menschen, die sind doch alle verrückt.“ Bislang habe ich es dann wohl ganz gut getroffen. Trotz Boko Haram, einiger Bomben im Norden und den Unruhen nach den Wahlen empfinde ich es als einigermaßen friedlich. Vor allem Abuja: Das Risiko, das nun ausgerechnet beim Pizzaessen oder in einer der unzähligen Gartenbars etwas passiert, ist ziemlich gering. Doch für die afrikanischen Nachbarn muss Nigeria die Hölle sein und zwar längst nicht nur für die Menschen hier in Benin.

Ich kann mich noch gut an meine geduldige Mitfahrgelegenheit im vergangenen Dezember in Deutschland erinnern. Ein junger Kameruner, der bereits seit zehn Jahren in Europa lebte, und eine Stunde auf mich gewartet hat. Ich musste es durch ein bisschen Smalltalk wieder gut machen und erntete Entsetzen: „Meine Schwester hat vor einigen Jahren einen Nigerianer geheiratet und möchte nun, dass ich sie mal besuche. Nie im Leben. Viel zu gefährlich.“ Und damit war das Thema für ihn durch.

Die Geschichten lassen sich endlos fortsetzen, besonders gerne werden sie von der Expat-Community erzählt, die Afrikas Riesen zwar selbst nie besucht hat, aber natürlich jemanden kennt, der vor 20 Jahren mal auf dem Flughafen von Lagos umsteigen musste. Es war natürlich die Hölle, nie wieder. Alles andere wäre ja auch ein Gesichtsverlust. Wer mag schon sagen, dass Nigeria doch gar nicht so schlimm wie gedacht ist?

Doch woher kommt diese kollektive Vorverurteilung? Natürlich tragen Korruption, Gewalt und Kämpfe zwischen – so sieht es auf den ersten Blick ja gerne aus – Christen und Muslimen dazu bei. Natürlich sind es auch die 419-Scams, die regelmäßig auch in meinem Postfach landen. Jüngst habe ich sogar eine e-Mail erhalten, die mir angeblich Lamido Sanusi, Leiter der nigerianischen Zentralbank geschrieben haben soll. Ich fühlte mich fast ein wenig geschmeichelt, möchte ich ihn doch unbedingt mal selbst vor dem Mikrofon haben. Doch so war das offensichtlich nicht gemeint. Eine Zusammenstellung darüber gibt es auch bei http://scambaiter.info/, verbunden mit der Warnung, dass die e-Mails, die bei einer kleinen Hilfe große Gewinne versprechen, wieder auf dem Vormarsch sind.

In Nigeria übrigens gibt es nur zwei Reaktionen darauf. Entweder wir ein wenig beschämt weggesehen – der gute Ruf eben – oder es wird schallend gelacht. Geschäftsfrau Ibukun Awosika gehört zur letzteren Sorte. Die 48-jährige Herrstellerin von Büromöbeln versteht die ganze Aufregung von uns Europäern nicht. „Ich bekomme auch solche Anrufe“, gibt sie freimütig zu, „und dann lasse ich sie reden und reden und reden. Sollen sie doch ihre Credits ausgeben“. Ist das Guthaben auf dem Handy erst aufgebraucht, dann würden sie von selbst verstummen.

Gefälschte e-Mails werden mittlerweile aber auch aus anderen Ländern verschickt. Es gibt sogar Bürgerkriege, und Minderheiten werden erst recht mit Füßen getreten. Trotzdem ist und bleibt es Nigeria. Ändern wird sich das wohl auch in Zukunft nicht. Ein Trostpflaster bleibt allerdings. Wir wissen ja, wie das mit dem ruinierten Ruf ist…

Advertisements

Schlagwörter:, ,

Kategorien: Nigeria

4 Kommentare - “Nigeria? Nun ja…”

  1. 3. November 2011 um 11:36 #

    In Südafrika haben Nigerianer auch einen ganz üblen Stand. Da werden sie wahlweise für Drogenkonsum oder die hohe Arbeitslosigkeit verantwortlich gemacht.

    Ich habe jetzt neulich zum ersten Mal in meinem Leben eine solche Scam-Mail bekommen, angeblich stammte sie von einem in Südafrika lebenden Simbabwer, dessen Eltern noch Geld in Simbabwe hätten, an das er aber nicht so einfach rankäme. *gg*

    • Katrin Gänsler
      3. November 2011 um 11:59 #

      Ich bekomme sogar Mails vom Präsidenten höchstpersönlich. So viel Aufmerksamkeit wäre doch nicht nötig gewesen…

      FEDERAL REPUBLIC OF NIGERIA

      From:“The Honorable Office of the Presidency“
      And Debt Reconciliation Payment Report and
      Immediate Fund Remittance.Address: Aso – Rock Villa „Presidential
      Guest House, Wusa Zone II Abuja -Nigeria.
      Email: dr.goodluckjonathan11@gmail.com

      TEL: +234-805-666-1848.

      Our Ref: FGN/PRE/VP/XNX/2011

      ATTN: BENEFICIARY ,

      I WAS SURPRISED THAT YOU HAVE NOT RECEIVED YOUR FUND UP TILL TODAY.I WISH TO INFORM YOU THAT YOUR FUND WILL BE TRANSFER TODAY INTO YOUR NOMINATED BANK ACCOUNT WITHIN 72 HOURS.

      I AM THE PRESIDENT OF FEDERAL REPUBLIC OF NIGERIA, I BELIEVE YOUR PAYMENT WILL BE CONCLUDED TODAY IMMEDIATELY I HEAR FROM YOU AND YOU ARE ADVISE TO RECONFIRM YOUR TELEPHONE NUMBER IMMEDIATELY.

      BASED ON MY INVESTIGATION I NOTICED THAT YOU HAVE WASTED A LOT OF MONEY IN REGARDS TO THIS TRANSFER. I AM ADVISING YOU TO STOP ANY COMMUNICATION WITH ANY PERSON UNTIL YOU RECEIVE THIS FUND FROM MY OFFICE TODAY.

      TO AVOID WRONG TRANSFER, RE-CONFIRM YOUR BANKING INFORMATION.THIS OFFICE IS GIVEN YOU 100% GUARANTEE THAT YOU WILL RECEIVE YOUR FUND WITHIN 72 HOURS AS SOON AS YOU COMPLY WITH THE INSTRUCTIONS GIVEN TO YOU.

      CONGRATULATION IN ADVANCE ONCE MORE.REMEMBER THIS TRANSFER IS CONFIDENTIAL, DUE TO A LOT OF IMPERSONATORS, I WANT US TO USE A CODE WHICH IS WHAT IS THE CODE AND ANSWER IS IN GOD WE TRUST.

      NOTE:YOU ARE ALSO ADVISE TO SEND TO US ALL INFORMATION OF ANY PERSON YOU HAVE SENT MONEY SO THAT WE CAN RECOVER THE MONEY AND SEND IT BACK TO YOU. YOU NEED TO CALL ON : +234-805-666-1848. TO CONFIRM.

      REGARDS

      DR.GOODLUCK EBELE JONATHAN
      PRESIDENT FEDERAL REPUBLIC OF NIGERIA
      Email: dr.goodluckjonathan11@gmail.com

  2. 4. November 2011 um 00:29 #

    Ich muss immer kichern, weil diese hochoffiziellen Stellen E-Mail-Adressen bei kostenlosen Anbietern haben. Und warum eigtl. dr.goodluckjonathan11? Ob er schon 10 andere Adressen zuvor hatte?

    Frag doch mal zurück, ob du ein Interview bekommst. :))

  3. 1. Februar 2012 um 14:36 #

    Hey, wann gibt’s mal wieder was neues aus Nigeria & Co? 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: