Am Tisch mit den Terroristen

Die nigerianische Regierung macht der islamistischen Sekte Boko Haram ein neues Verhandlungsangebot. So will man die Anschlagsserie im Norden stoppen. Doch die Sekte strebt einen Staat auf Grundlage der Scharia an und schlug bis dato jegliche Kooperation aus.

Längst sind es nicht mehr die Rebellen im Nigerdelta, die Nigeria zu schaffen machen. Angst schürt stattdessen schon seit Monaten die islamistische Sekte Boko Haram, durch die seit Beginn des Jahres nach Einschätzungen der Menschenrechtsorganisation Amnesty International mindestens 140 Menschen ums Leben gekommen sind. Nach Monaten der Anschlagserien sind viele Menschen müde und wollen endlich Frieden haben. Wohl auch deshalb hat Präsident Goodluck Jonathan von der Peoples Democratic Party (PDP) nun einen neuen Versuch gestartet, um mit den Anführern der Terrorgruppe ins Gespräch zu kommen. Das hat Jonathan am Wochenende angekündigt. Laut einer Regierungserklärung will er ein Komitee mit sieben Mitgliedern einsetzen, das bis Mitte August erste Berichte vorlegen soll.

Angebot bleibt umstritten

Damit scheint Jonathan zum ersten Mal konkreter zu werden. Denn bislang hat er bei öffentlichen Auftritten – auch während des Besuchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Mitte Juli – lediglich gesagt: „Wir werden alles tun, um eine Lösung für das Problem zu finden.“ Doch auch wenn der Vorstoß des Politikers nun für Schlagzeilen sorgt und Hoffnung weckt, der Terror könne so ein Ende finden, macht er viele Nigerianer unterdessen wütend. Kaum waren die ersten Informationen dazu online, stürzte sich die ohnehin sehr diskutierfreudige Internet-Gemeinde darauf. „Mit Terroristen darf keine Regierung verhandeln“, so der Tenor.

Scharia-Staat zum Ziel

Doch es ist längst nicht das erste Gesprächsangebot von Seiten der Regierung. Bereits im April machte der neu gewählte Gouverneur des Bundesstaates Borno im äußersten Nordosten des Landes, wo Boko Harams Hauptquartier ist, ähnliche Vorschläge. Kashim Shettima von der All Nigeria Peoples Partie (ANPP) bot den Sektenmitgliedern einen runden Tisch an. Doch die lehnten dankend ab. Genau so erfolglos war wenig später Namadi Sambo (PDP), der nigerianische Vize-Präsident. Auch mit ihm wollte kein einziger Anhänger sprechen.

Ohnehin wird häufig bezweifelt, ob ein Kompromiss mit Boko Haram, deren Namen übersetzt so viel wie „Westliche Bildung ist Sünde“ bedeutet, überhaupt möglich ist. Die Forderungen scheinen nicht realisierbar zu sein. Die Gruppe, der Verbindungen zur Al-Qaida nachgesagt werden, möchte einen Staat auf Grundlage der Scharia errichten. Nigeria, wo sich die Bevölkerung zu rund 50 Prozent aus Christen und 50 Prozent aus Muslimen zusammen setzt, betont selbst, ein säkulares Land zu sein.

Aufarbeitung bitter nötig

Trotzdem würde es Möglichkeiten für Gespräche geben, findet Hussaini Abdu, Leiter der nichtstaatlichen Organisation ActionAid. „Der Staat müsste beispielsweise die außergerichtlichen Erschießungen im Jahre 2009 aufarbeiten“, sagt Abdu. Damals gelang der Polizei auf den ersten Blick ein wichtiger Schlag gegen die Sekte, die sich vor rund zehn Jahren gegründet hatte. Unter anderem kam der einstige Führer, Ustaz Mohammed Yusuf, ums Leben. Doch anschließend zerstreuten sich die Anhänger, verloren ihre Gesichter und wurden immer mehr zum Schreckgespenst für die Regierung. Genugtuung könnten ihnen nun die Festnahme von fünf Polizisten bringen, die wegen des Mordes an Sektenführer Yusuf angeklagt werden sollen. Die Verhaftungen könnten außerdem für die Regierungsseite nun eine bessere Verhandlungsgrundlage schaffen.

Das ist bitter nötig, da die Lage in Maiduguri angespannt wie nie zuvor ist. Mal ist es eine Polizeistation, mal ein Biergarten, mal eine Kirche, die die Sekten-Mitglieder anzünden und in die Luft jagen. Seitdem fühlt sich niemand mehr sicher. Verschärft worden ist das Gefühl auch deshalb, weil die Anschläge spontan und unvorhersehbar sind. Sie folgen keiner Regel, Warnungen gibt es nicht. Häufig kommen die Täter auf zwei Mopeds, die in Nigeria zu den wichtigsten Verkehrsmitteln gehören, werfen ihre kleinen Sprengsätze und können schnell und unerkannt fliehen.

Spezialeinheit verunsichert zustätzlich

Mehr Sicherheit hat in den vergangenen Wochen allerdings auch nicht die Präsenz der Joint Task Force (JTF), einer Spezialeinheit aus Polizei und Militär, gebracht – im Gegenteil. Kaum wurde die JTF vor Ort stationiert, schon geriet sie in die Kritik von Amnesty International (AI). Alleine am letzten Juli-Wochenende soll sie mindestens 23 Menschen umgebracht haben. „Präsident Jonathan muss verhindert, dass die Polizei weitere Menschenrechtsverletzungen begeht“, forderte unter anderem Tawanda Hondora, stellvertretender Leiter des Afrika-Bereichs bei AI. Dass die JFT keineswegs nur für Frieden sorgt, hat auch Student Mohammed Ali Abdulazeez erlebt. „Wir konnten nirgendwo hingehen, weil die Lage einfach so angespannt war. Und ist es dann zu einem Anschlag gekommen, dann sperrten die Soldaten die ganze Gegend ab“, erzählt er. Abdulazeez hat bis Mitte Juli an der Universität von Maiduguri studiert, ist nun aber wieder in seiner Heimat im Süden des Landes. Gemeinsam mit anderen Studenten ist er gerade evakuiert worden. Niemand wollte mehr das Risiko eingehen und die jungen Menschen in Maiduguri lassen.

Erschienen bei Café Europa (www.ce-sg.com/) am 03. August 2011.
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Kategorien: Nigeria

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