Einmal Nock-Ten für Nigeria, bitte!

Sintflutartige Regenfälle reißen heute auch niemanden mehr vom Hocker und taugen in Deutschland nur noch selten zu einer Meldung – vor allem, wenn diese aus Afrika kommt. Da muss schon mehr her, etwa ein tropischer Wirbelsturm mit einem exotischen Namen wie „Nock-Ten“. Von diesem habe ich vor ein paar Tagen beim Frühstück zum ersten Mal gehört. Nichtsahnend sitze ich am großen Holztisch in meiner überaus schönen Strandwohnung in Cotonou, als mir WDR 2 – ein Hoch auf diese gute Internetverbindung – plötzlich mitteilt: Ein Wirbelsturm kostet mindestens 20 Menschen auf den Philippinen das Leben.

Vor mir – obwohl ich gar keinen Fernseher habe und dieses Ereignis den beninischen, aber auch nigerianischen Medien ebenfalls keinen Bericht wert ist – fangen Bilderspulen an zu rattern. Menschen, die hüfthoch im Wasser stehen, die in ihren feuchten Hütten verzweifelt nach ein paar Kleinigkeiten suchen, Autos, die sich durch die Wassermassen kämpfen und von denen häufig nur noch das Dach zu sehen ist. Klar, ich habe ein gutes Vorstellungsvermögen. Aber all das ist so genau  in meinem Kopf abgespeichert, weil wir es selbst erst vor drei Wochen in Lagos erlebt haben.

Innerhalb weniger Stunden sind in der Wirtschaftsmetropole mit den 18 Millionen Einwohnern 25 Menschen ums Leben gekommen – mehr als anfänglich auf den Philippinen. Ganze Straßenzüge standen unter Wasser, unzählige Häuser wurden zerstört und Menschen obdachlos. Auch drei Wochen später sind einige Straßen weiterhin unpassierbar. Wenn ich nun von Lagos nach Cotonou fahre, muss der Busfahrer einen riesigen Umweg machen, damit wir trockenen Fußes ins Nachbarland kommen.

Doch Deutschland hat das nicht interessiert. Schließlich ist es kein Tropensturm gewesen, der sich so schön bildlich vorstellen lässt: peitschender Regen, Sturmböen, umgeknickte Bäume. Außerdem hat unser Regen keinen klangvollen Namen wie Nock-Ten getragen. Nock-Ten, so haben Journalisten-Kollegen recherchiert, ist übrigens eine Vogelart aus Laos. Damit lässt sich vortrefflich spielen. Ein kleiner zarter Vogel und dann dieses Unwetter. Ein schönes Bild der Gegensätze.

Doch bei uns hat es einfach nur sintflutartig geregnet. Superlative wie bei der Hungersnot in Ostafrika („Schlimmste Hungerskatastrophe seit 60 Jahren“) hätten wir übrigens auch finden können. Innerhalb weniger Stunden fiel so viel Regen wie sonst innerhalb eines ganzen Monats – wohlgemerkt in der Regenzeit. Ähnlich wie in Ostafrika war es das schlimmste Unwetter seit Jahrzehnten. Und trotzdem nichts davon gehört. Nicht einmal der Besuch von Angela Merkel (CDU) konnte das ändern. Hätte die Kanzlerin wenige Tage später nur Lagos besucht und nicht Abuja. Vielleicht hätten unsere Überschwemmungen dann mehr Aufmerksamkeit gefunden.

Natürlich lässt sich nun argumentieren, Nigeria sei doch sehr wohl theoretisch und praktisch in der Lage, die Opfer zu unterstützen und Geld für den Wiederaufbau bereit zu stellen. Stimmt ja auch. Dafür braucht das Ölland sicherlich kein Geld aus Europa. Echte Unterstützung für die Opfer gibt es aber trotzdem nicht. Stattdessen bleibt es, wie es ist: Nigerianer wurschteln sich durch – fernab der Weltöffentlichkeit.

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Kategorien: Nigeria

One Comment - “Einmal Nock-Ten für Nigeria, bitte!”

  1. 5. August 2011 um 05:55 #

    Nur mit dem Zauberwort „Hurricane“ lassen sich Schlagzeilen erzielen.
    Die Folgen dieser sintflutartigen Regenfälle – noch schlimmer, wenn sie auf ausgedörrten Boden fallen – sehe ich hier alljährlich in den Sommermonaten! Und auch wenn man genau weiss, diese Misere wird nächstes Jahr wieder die Hütten der Ärmsten wegreissen und Opfer fordern: es geschieht nichts: die Armen haben kein Geld um Vorsorge zu treffen, die Politik setzt lieber auf die Schlagzeilen eines neuen Boulevards für die Geschäftsviertel! Business as usual?

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