Kursgewinn für den Koran

Abuja – Das kleine Wörtchen „islamisch“ sorgt in Nigeria im Moment für einen handfesten Streit. Denn in Afrikas einwohnerstärkstem Land möchte die Zentralbank ab sofort das islamische Bankensystem einführen. Während die muslimische Gemeinschaft sich über die Möglichkeit, Geld nach den Richtlinien des Korans zu leihen, freut, laufen viele Christen Sturm. Sie haben Angst, dass ihr Land nach und nach in einen islamischen Staat umgewandelt wird.

Ayo Oritsejafor, derzeit Präsident der Christlichen Vereinigung Nigerias (CAN), machte in einem ganzseitigen Interview klar: „Wir wollen kein islamisches Bankwesen haben.“ Damit spricht der Pastor der Pfingstkirche „Word of Life Bible Church“, der als Sprachrohr der Kirchen in Nigeria gilt, vielen Christen aus der Seele. Überall im Land diskutieren sie die geplante Einführung des alternativen Bankensystems. Es ist zu einem Schreckgespenst mutiert. „Man weiß ja nicht, was noch kommt“, sagt Samuel Salifu, Generalsekretär von CAN. „Ist es ein Schritt zur Islamisierung Nigerias?“

Davor fürchten sich Teile der christlichen Gemeinschaft schon seit 25 Jahren. Auslöser dafür waren allerdings keine Straßenkämpfe oder brennenden Kirchen. Über Nacht, so Salifu, sei Nigeria 1986 der Organisation der Islamischen Konferenz (heute: Organisation für Islamische Zusammenarbeit) beigetreten. Die Christen seien nicht gefragt worden.

Scharia in den Nordstaaten

Noch schlimmer kam es nach dem Ende der Militärherrschaft im Jahr 1999, als die 12 Nordstaaten, in denen mehrheitlich Muslime leben, nach und nach die islamische Scharia-Gesetzgebung einführten. Muslime betonen, dies habe keine Folgen für Christen. Samuel Salifu sieht das jedoch anders: „Natürlich beeinflusst es mich, wenn ich in der Öffentlichkeit nicht mehr neben meiner Frau sitzen darf.“

Wie hitzig das islamische Bankwesen nun diskutiert wird, erlebt auch der katholische Erzbischof von Abuja, John Onayelan, der bis zum vergangenen Jahr selbst Präsident von CAN war. Dabei findet er selbst wie auch andere christliche Vertreter die Idee, die hinter dem Geldverleih nach Koran-Richtlinien steckt, nicht grundsätzlich schlecht. „Es wäre möglich gewesen, anders mit der ganzen Sache umzugehen“, meint er.

Hauptprinzip des islamischen Banking ist: Wer Geld verleiht, darf keine Zinsen nehmen. Für die große Masse der Bevölkerung, die zu 70 Prozent unterhalb der Armutsgrenze lebt, wäre das eine riesige Erleichterung. Denn durch die komplizierte Kreditvergabe mit hohen Zinssätzen ist es für die meisten praktisch unmöglich, Geld zu leihen, um beispielsweise einen kleinen Marktstand oder eine Schreinerei zu finanzieren. Deshalb unterstützt der Erzbischof eine Reform der Kreditvergabe.

Werden die Muslime bevorzugt?

Die Einführung des islamischen Bankwesens ist für ihn allerdings nicht die richtige Antwort. „Der Chef der Zentralbank hätte wissen müssen, wie die Nigerianer reagieren“, sagt Onayelan. Für viele Christen kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu. Zentralbank-Chef Lamido Sanusi ist selbst ein Moslem und steht nun im Verdacht, die muslimische Hälfte der nigerianischen Bevölkerung zu bevorzugen und mit Hilfe seines Amtes eine Islamisierung voranzutreiben.

Dabei genoss Sanusi bislang einen tadellosen Ruf. Er ist ein eloquenter Redner und massiver Kritiker der Korruption. In den vergangenen Jahren ließ er einige Geldinstitute schließen, die wegen Misswirtschaft in Verruf geraten waren. Das „Time Magazine“ kürte ihn zu einem der 100 einflussreichsten Menschen der Welt.

Trotz der massiven Kritik an seiner Person hält Sanusi allerdings an der geplanten Einführung fest. „Wir schaffen in Nigeria keine islamische Bank“, betont er bei Podiumsdiskussionen und Workshops. Stattdessen solle den bestehenden Kreditinstituten lediglich die Möglichkeit gegeben werden, Geld in Übereinstimmung mit dem Koran zu verleihen. Ein Angebot, das Muslimen und Christen offenstehe, von dem aber niemand Gebrauch machen müsse.

Katholische Nachrichten-Agentur vom 22. Juli 2011.
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Kategorien: Nigeria

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