Nigeria in 20 Stunden

Das hätten wir geschafft: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sitzt wieder im Flieger und ist auf dem Weg nach Deutschland. Seit einer Woche hat sie mich auf Trab gehalten, hat mich organisieren, telefonieren und die Finger wund schreiben lassen. Und all das für ein paar Stunden in Abuja.

Abuja ist die letzte Etappe der Schnelltour durch Afrika, drei Länder in vier Tagen. Es erinnert mich ein wenig an japanische oder neuerdings auch chinesische Touristen in Europa: Frühstück in Heidelberg – weil’s ja so kitschig-schön dort ist, Mittagessen in Paris und abends ausgehen in London. Überall gewesen und wenig bis nichts verstanden. Natürlich, möglich ist es, aber ob es sinnvoll ist, ist eine ganz andere Frage.

Denn was hat Angela Merkel von Nigeria gesehen? Den Flughafen von Abuja, die neue vierspurige Straße, an der noch ordentlich gebaut werden muss, Nigerias teuerstes Hotel mit den besten Sicherheitsvorkehrungen (das hat es nicht einmal geschafft, für die mitreisenden Journalisten aus Deutschland eine einigermaßen funktionierende Internet-Verbindung herzustellen) und den Präsidentenpalast. Alles sauber, ordentlich und geleckt, da bekommt man schon mal den Gedanken, wie gut sich das Land als Wirtschaftsstandort eignet.

Nigeria kann geleckt sein, an einigen wenigen Ecken in Abuja, die selbstverständlich über einen Generator verfügen, wo das Croissant drei Euro kostet und man allen nur erdenklichen Luxus kaufen kann. Hat ihr jemand erzählt, wie Nigeria wirklich ist? Beispielsweise über die 70 Prozent der Bevölkerung gesprochen, die einen Dollar pro Tag zum Leben haben? Über junge Fußballerinnen, die nicht genügend Geld haben, um überhaupt zum Training zu fahren? Hat ihr jemand von der ökologischen Katastrophe erzählt, auf die der Norden des Landes zusteuert, in dem immer mehr Bäume zu Brennholz werden? Und wenn ja: Interessiert das überhaupt?

Wie viele Länder die Kanzlerin in Afrika besucht hat, lässt sich zwar seit Montag nicht mehr an einer Hand abzählen, trotzdem kommt sie gerade einmal auf acht. In den meisten – Südafrika, der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr, als sie das Team von Joachim Löw anfeuern musste, sei Dank – war sie gerade einmal einen Tag, wenn überhaupt. Von großer Begeisterung zeugt das nicht.

Während der Pressekonferenz spricht sie dann auch über den Euro – selbstverständlich auf Nachfrage. Dabei wirft Nigeria jeden Tag tausend Fragen auf. Tausend Dinge, die spannend sind, die auf Antworten warten. Aber es ist der Euro und dessen Stabilität, was wichtiger erscheint.

Selbst wenn sie noch wundervoll schön Wetter macht für Wirtschaftsstandorte, die deutsche Unternehmer locken sollen, selbst wenn sie noch so viele Kommissionen ins Leben ruft. Afrika bleibt Afrika, für Politiker ebenso wie für Journalisten. Der riesige Kontinent ist ein Winzling im internationalen Geschäft, für den sich kaum jemand interessiert.

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Kategorien: Nigeria

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