Kein Bier mehr nach 22 Uhr

So richtig kann zwar niemand daran glauben. Aber vielleicht geschieht heute Abend doch noch ein Wunder. Ein Wunder wäre es schon, wenn die „Super Falcons“ ein Unentschieden gegen die starken Kickerinnen aus Deutschland schaffen würden. Aber hilft es, um die Stimmung in Nigeria ein wenig zu verbessern?

Vermutlich nicht. Ausgelassenes Feiern hat man uns am Mittwochnachmittag gestrichen – zumindest in Abuja. In anderen Teilen des Landes sind die meisten Menschen wohl ohnehin nicht mehr in Feierlaune. Boko Haram eben. Vor zwei Wochen haben sie (https://unterwegsinafrika.wordpress.com/2011/06/16/abuja-boko-haram-and-the-bombs/) das Polizei-Hauptquartier angegriffen und Nigeria damit ins Mark getroffen. Das Land ist verwundbar, und es sind nicht mehr nur ein paar Bomben, die irgendwo im fernen Norden geworfen werden. Abuja ist zum Ziel geworden und damit die Regierung, die Köpfe des riesigen Landes.

Die haben nun auch entschieden, dass es angeblich sicherer ist, wenn ihre Landsleute nach 22 Uhr nicht mehr in Kneipen und Bars hängen, sondern artig nach Hause fahren. Ausschlaggebend ist wohl der Sonntagnachmittag gewesen. 25 Menschen sind in Maiduguri, dem Hauptsitz von Boko Haram („Westliche Bildung ist Sünde“, so lautet der Name der Terrorgruppe) ums Leben gekommen – eben in einem Gartenlokal. Im Sündenpfuhl, so muss das Netzwerk, das nach eigenem Bekunden für einen islamischen Staat ohne westliche Demokratie kämpft, empfunden haben.

Es ist der erste Anschlag in diesem Ausmaß, doch schon vor drei Wochen war es eine katholische Kirche, die zur Zielscheibe wurde. Ebenfalls eine Verkörperung des Westens. Gerüchte besagen, dass Ausländer – vor allem wir Weißnasen – uns derzeit besser von Maiduguri fern halten sollen. Wohin hatte ich noch mal meine nächste Recherchereise im Juli geplant? Ach ja, Maiduguri.

Die Vorsichtsmaßnahme in Abuja ist gut gemeint, aber mehr auch nicht. Einzige Hoffnung könnte sein, dass die Betreiber der Gartenlokale – sie sind allabendlich beliebter Treffpunkt in Abuja, da die große Flasche Bier gerade einmal 250 Naira (1,20 Euro) kostet und das Suya essbar ist. Üben sie durch die massiven Umsatzeinbußen nun mehr Druck auf die Regierung aus, damit diese endlich handelt? Schließlich versteckt sich hinter der Ausgangssperre auch eins. Ratlosigkeit.

Kaum jemand weiß genau, wer Boko Haram wirklich ist und wie man an die Gruppe herankommt. Anders sah es über Jahrzehnte im Nigerdelta aus, dem bisherigen Hotspot Nigerias. Ja, Rebellen waren da am Werk, aber die Rebellen hatten Namen, sie hatten Verhandlungsführer, die ihre Forderungen klar formuliert haben. Und Boko Haram? Sie wollen nicht einmal sprechen, keinen runden Tisch, keinen Konsens erzielen. Gezeigt hat sich das in den vergangenen Wochen als der Gouverneur von Borno-State sie mehrfach eingeladen hatte. Die Terroristen haben ihm mehr als nur die kalte Schulter gezeigt.

Daher werden sie uns auch in Zukunft weiter beschäftigen. Ein Ende der Anschläge ist jedenfalls nicht in Sicht.

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Kategorien: Nigeria

2 Kommentare - “Kein Bier mehr nach 22 Uhr”

  1. 1. Juli 2011 um 18:28 #

    Passen Sie gut auf sich auf!
    Liebe Grüsse!

  2. 10. April 2012 um 10:26 #

    Tolles Blog und tolle Geschichten, ich komme gerne mal wieder.

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