Vom Verlernen des Entdeckens

Die Regenzeit ist da, endlich nach zwei Monaten des Wartens und Tröpfelns. Jetzt gibt sie alles und sorgt im Süden des Landes für wahre  (http://www.informationnigeria.org/2011/06/floods-wreak-havoc-in-lagos.html). In Abuja hält sie sich indes zurück und schafft das Gefühl vom deutschen Spätherbst. Draußen ist es kühler als gewöhnlich, die Feuchtigkeit krabbelt in jeden Knochen, also bloß nicht vor die Tür gehen, zumindest nicht ohne eigenes Auto.

Warum auch? Das Internet läuft trotz Regenzeit. Wie gut, dickste Freunde sind die beiden in aller Regel nicht. Also Kaffee kochen, Schokolade anbrechen und ab aufs Bett. Irgendjemand ist schon online. Es dauert auch nur ein paar Minuten, und am rechten Bildschirmrand kündigt mir Skype an, wer es ist. Und dann läuft sie ein, die erste Nachricht. Meiner Generation ist das Klicken längst zum vertrauten Ton geworden. Viel vertrauter als das Klingeln des alten Wählscheibentelefons unserer Eltern je sein konnte. Schnell noch die kleine Webcam angemacht, und es kann los gehen.

Deutschland ist da, ich mittendrin, obwohl ich viele tausend Kilometer entfernt unter dem Moskitonetz sitze. Plötzlich ist alles so wie immer, die deutsche Küche, in der meine Freundin sitzt und von der ich genau weiß, wo die Trinkgläser stehen, in welchem Schrank sie die Weingläser versteckt hat, wo die letzten Pasta-Reste liegen. Vertrautheit ist schön in der weiten Welt, vor allem dann, wenn mal wieder alle Pläne platzen, Termine aus heiterem Himmel abgesagt werden, ich keine Lust mehr auf nigerianische Hotellöcher habe und meine Freunde gerade in Deutschland, Holland und Indien unterwegs sind, nur eben nicht in Abuja.

Ich nehme sie also einfach mit – meine Freunde. Sie sitzen alle irgendwo in meinem Computer und sogar in meinem Handy, das selbstverständlich internetfähig ist. Anders geht es wohl auch nicht, denn unsere Generation ist extrem mobil, muss mobil sein. Das sind vor allem jene, deren Ziel Ausland heißt. Umzüge laufen nicht mehr zwischen Essen und Dortmund oder Frankfurt und Stuttgart ab, und auch nicht mehr zwischen Helsinki und Hamburg. Wie wäre es mal eben mit einem Kontinentswechsel? Adé Afrika, willkommen Südamerika. Alles keine Seltenheit mehr. Und ich bin dabei, kann Dank Internet und Skype ganz bequem nach Brasilien oder wohin ich auch immer will telefonieren.

Was einerseits bequem und toll ist, hat verdammte Tücken. Ich bin in der Welt und verpasse sie gleichzeitig. Der Laptop liegt auf meinen Knien und bietet mir alles, was ich will. Ich muss nicht mehr ins nächste Café, um Bekannte zu treffen. Ich muss nicht mehr auf die Straße, um irgendwo die Möglichkeit zum Surfen zu finden. Einkaufen – gut, das muss noch sein, da ich noch keinen Online-Lieferservice ausgemacht habe, noch nicht einmal für Pizza, was für eine Schande! Aber ansonsten kann ich mich einnisten. Und bin ich dafür hier, um ständig und haarklein zu erfahren, was in meiner alten Heimat passiert? Nein, bin ich nicht.

Es ging auch anders, in Tansania etwa, vor gar nicht allzu langer Zeit. In Mwanza, der zweitgrößten Stadt des Landes, die wunderschön am Victoriasee gelegen ist und später durch die Dokumentation Darwin’s Nightmare (www.darwinsnightmare.com/) traurige Berühmtheit erlangt hat. Genau drei Internetcafés hat es vor zehn Jahren gegeben, die alle 45 Minuten zu Fuß entfernt lagen. Zwei-, vielleicht dreimal pro Woche bin ich hingegangen, und die Welt drehte sich trotzdem weiter, auch als mir damals erst viele Tage später die Ausmaße von 9/11 einigermaßen bewusst wurden. Damals hatte niemand diese praktischen USB-Sticks, die in scheinbar allen afrikanischen Ländern für die Verbindung in die weite Welt sorgen, geschweige denn ein Blackberry, das heute in Nigeria zum guten Ton gehört und heiß geliebter Freund geworden ist.

Was hatten wir damals? Weniger Informationen und trotzdem auch ein bisschen mehr Lebensqualität und Entdeckertum. Heute gehe ich nicht mehr mit Begeisterung auf einen bunten, wuseligen Markt und handle den besten Preis für meine Bananen aus. Auch die Besuche und Diskussionen mit meiner Schneiderin empfinde ich eher als lästige Pflicht und nicht als Herausforderung. Trotzdem ist und bleibt es die einzige Möglichkeit, Menschen kennen zu lernen und den Gastkontinent ein wenig zu verstehen. Also: zumindest sonntags offline sein. Denn draußen ist die Welt viel spannender als im gemütlichen Zimmer.

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Kategorien: Nigeria

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