Wer kicken will, muss mit dem Trainer schlafen

Für viele junge nigerianische Mädchen ist Fußball ein Weg aus der Armut. Dafür nehmen sie sogar sexuellen Missbrauch durch Trainer und Club-Funktionäre in Kauf.

Die Frauenfußball-Nationalmannschaft Nigerias gilt als erfolgreichste auf dem ganzen Kontinent. Der Sport boomt, für viele junge Nigerianerinnen sind die Spielerinnen der Super Falcons zum Vorbild geworden. Auch die Kickerinnen von Search and Groom, einer nicht-staatlichen Organisation, würden gerne einmal das nigerianische Trikot tragen. Dafür treffen sie sich zweimal pro Woche im Sportzentrum von Ikeja im Norden der Mega-City Lagos. Viele hoffen, dass irgendwann ein Scout vorbei schaut und ihnen den Weg in die Profi-Liga, die Nationalmannschaft oder sogar nach Europa ebnet. Auch Zainab Udeoyin will kicken, unbedingt. Ein Gedanke begleitet sie allerdings immer: „Die meisten männlichen Trainer stellen Spielerinnen nur auf, wenn sie mit ihnen Sex haben.“ Sie schweigt einen Moment. „Es gibt auch Ausnahmen, aber häufig läuft es so.“

„Diese Thematik war allen bekannt. Das habe ich gespürt“, sagt auch Helen Schönbrodt. Die 25-jährige Sport- und Lehramtsstudentin und aktive Fußballerin aus der Nähe von Kassel hat das Team von Search and Groom um Zainab Udeoyin im vergangenen Jahr aufgebaut und einige Monate lang trainiert. Ihr anvertraut hätte sich aber keine der Spielerinnen.

Der enorme Druck, Sex mit dem Trainer oder einem Club-Funktionär zu haben, ist kein Geheimnis. Trotzdem schweigen die Frauen. „Ich kenne einige, die betroffen sind. Aber darüber sprechen möchte niemand. Dabei ist sexueller Missbrauch das größte Problem im nigerianischen Frauenfußball“, sagt Hans Krämer. Der Schweizer lebt seit vielen Jahren in Nigeria, organisiert unter anderem das jährlich stattfindende Frauenfußballturnier All Stars. Wenn Krämer das Thema Missbrauch anspricht, ängstigen sich die Mädchen. Jemand könnte ja herausfinden, wer geredet hat. Das würde das Ende jeder Karriere bedeuten.

Aber auch ehemalige Profi-Kickerinnen schweigen. Viele hoffen nach der aktiven Zeit auf eine Trainer-Karriere. Wer sprechen würde, wäre arbeitslos. Mary Ogbere will ihren echten Namen nicht nennen. Die Fußballerin hat einst selbst das nigerianische Nationaltrikot getragen. „Natürlich passiert es“, sagt sie und versucht dann, das Ausmaß herunterzuspielen. So weit verbreitet wie häufig angenommen, sei der sexuelle Missbrauch aber nicht. „Von zehn Trainern sind es zwei, die Sex von ihren Spielerinnen verlangen.“ Außerdem trifft aus ihrer Sicht auch die Frauen eine Mitschuld. „Einige bieten sich an, damit sie bei einem Turnier spielen können.“

In Jos, der Hauptstadt des zentralnigerianischen Bundesstaates Plateau, steht Ismaila Mabo jeden Morgen auf einem staubigen Trainingsplatz, der in der Nähe der staatlichen Universität liegt. Dort gibt er seinen Hobby-Kickern Tipps, übt Spielzüge und fordert sie zu einem fairen Spiel auf. Coach Mabo, wie der hochgewachsene Mann in Nigeria genannt wird, war der bislang erfolgreichste Trainer der Super Falcons. Unter ihm schaffte die Mannschaft 1999 den Einzug ins WM-Viertelfinale in den USA. 2004 mussten sich seine Kickerinnen während der Olympischen Spielen in Athen ebenfalls erst im Viertelfinale dem deutschen Team geschlagen geben.

Über all die Jahre sei es, da ist sich Coach Mabo sicher, im Frauenteam nie zu sexuellen Erpressungen gekommen. Der Vorwurf macht den sonst so besonnenen Mann wütend. „Meine Kollegen und ich waren doch alle in einem Alter. Und die Spielerinnen hätten unsere Töchter sein können. Das wäre undenkbar gewesen.“ Eins will Mabo, der heute von einem Comeback mit seinen Freizeit-Spielern träumt, dann aber doch nicht ausschließen. „Vielleicht hat es sexuellen Missbrauch in den U-17- und U-20-Teams gegeben“, sagt er und rudert gleich wieder zurück: „Aber vermutlich haben die Medien diese Vorwürfe nur hochgespielt.“

Was es heißt, als junge, talentierte Spielerin zum Sex aufgefordert zu werden, hat eine Spielerin häufig erlebt, die ihren richtigen Namen nicht nennen will. Die Forderung nach Sex scheint im männerdominierten Nigeria eine Selbstverständlichkeit. „Natürlich wollten die Männer das“, sagt sie. Nachgegeben hätte sie dem Wunsch aber nie, betont die junge Frau. „Du musst einfach gut spielen, damit sie dich aufstellen.“

Eine Taktik, die nur selten aufgeht. Hans Krämer erinnert sich an eine begabte Nigerianerin: Aus ihrem ersten Club ist sie geflogen, weil sie sich geweigert hatte, mit dem Trainer zu schlafen. Im neuen Team hatte sie ebenfalls kein Glück. Sie gefiel einem Clubfunktionär. Weil sie Sex mit ihm ablehnte, wurde sie wieder rausgeschmissen. „Es war das Ende ihrer Karriere“, sagt Krämer. Offiziell hieß es: Das Mädchen sei zu stur und dickköpfig.

Verständnis für ihr Verhalten werden wohl die wenigsten gehabt haben – nicht einmal die eigene Familie. War der Frauenfußball noch vor wenigen Jahren verpönt, wird er nun als Einnahmequelle entdeckt. Gerade für junge Frauen gilt er als gute Möglichkeit, sich nach oben zu kicken. Die Gehälter liegen zwar anfangs höchstens zwischen 15.000 bis 30.000 Naira – umgerechnet 75 bis 150 Euro. Trotzdem können die Spielerinnen sich selbst und sogar ihre Familien damit ernähren. Obwohl Nigeria Ölexporteur ist, leben bis zu 70 Prozent der rund 150 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Die meisten Fußballerinnen stammen aus genau diesen Familien.

Der Frauenfußball ist nicht der einzige Bereich der Gesellschaft ist, in dem Sex als inoffizielle Währung gilt. An Schulen und Universitäten verlangen Dozenten gerne Gegenleistungen für bestandene Prüfungen. Im Berufsleben ist es nicht anders. „Nigeria ist ein Männerland, in dem die Armen und Schwachen mit Sex bezahlen“, sagt Hans Krämer.

Erschienen auf Zeit-Online (www.zeit.de) am 20. Juni 2011.

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Kategorien: Nigeria

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