FIFA: Kein Freifahrtschein für Blatter

Am Ende hat Blatter doch seine Wiederwahl als Präsident des Weltfußballverbandes FIFA geschafft. Dafür haben auch die afrikanischen Fußballverbände gesorgt. Trotzdem lässt viele Afrikaner die Wiederwahl nun ziemlich kalt. Die Korruption ärgert auch sie.

In Abuja herrscht am Mittwochnachmittag Ausnahmezustand. Dieses Mal kommen in die nigerianische Hauptstadt, die auch Sitz der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft und somit ein beliebter Konferenz-Standort ist, allerdings keine hochrangigen Politiker an. Es ist viel besser. Das fußballverliebte Nigeria, das mit 150 Millionen Menschen Afrikas einwohnerstärkstes Land ist, empfängt die argentinische Nationalmannschaft, zweites Team. Vermutlich ist es eines der wichtigsten Sportereignisse in diesem Jahr auf nigerianischem Boden. An Sepp Blatter denkt niemand.

Sepp Blatter ist eine Randnotiz

Vielleicht ist das auch besser so. Denn am Abend werden die Fußball-Liebhaber richtig belohnt. 4:1 heißt es am Ende, und Nigeria ist im Freudentaumel. Am nächsten Morgen sind auch die Zeitungen voll davon. „Nigeria hat Argentinien zerstört”, textet etwa die ambitionierte Tageszeitung „Next”, und das Boulevard-Blatt „P.M. News” jubelt: „Nigeria hat Argentinien gedemütigt”. Sepp Blatter ist eine Randnotiz, und vielen Nigerianern geht es ähnlich. „Wir haben gestern Abend gewonnen. Das zählt”, sagt beispielsweise Shehu Hassan, der in Lagos lebt. Deshalb hat er die Wahl in der Schweiz auch gar nicht erst verfolgt. „Da geht doch ohnehin nur noch alles um Korruption”, sagt der Fußballfan enttäuscht.

Auch afrikanischer Bewerber ausgebremst

Blatters Mitbewerber Mohamed bin Hammam, Geschäftsmann aus dem Golfstaat Katar, hatte vor seiner Suspendierung auch auf die afrikanischen Stimmen geschielt. Doch bereits vor zwei Wochen hatte sich die Konföderation des afrikanischen Fußballs mehrheitlich hinter Blatter gestellt und das, obwohl deren Vorsitzender, Issa Hayatou aus Kamerun, einst selbst FIFA-Präsident werden wollte. Doch er musste sich 2002 ausgerechnet Blatter geschlagen geben. Anfang des Jahres wurde in Afrika spekuliert, ob Hayatou, der auch Mitglied des Exekutiv-Komitees des Verbandes ist, einen weiteren Anlauf unternimmt, um doch noch das höchste FIFA-Amt zu erobern. Er winkte ab. Stattdessen tauchte sein Name in den vergangenen Monaten im Zusammenhang mit Korruption und der Vergabe der WM 2022 in den Golfstart Katar auf. Doch am Dienstag erklärte die FIFA, dass es keine Beweise dafür gebe.

Auch Blatters Anhänger wollen Reformen

Dass mit Blatters Wahl im Weltfußballverband nun wieder mehr Ruhe einkehrt, darauf hofft unterdessen Yomi Kuku aus Nigeria. Kuku lebt mit seiner Familie in Lagos und leitet die Organisation „Search and Groom”, die in Nigerias größter Wirtschaftsmetropole verschiedene Fußballprojekte betreut und sich um Nachwuchsförderung kümmert. „Sepp Blatter ist ein Freund Afrikas”, sagt Kuku, „und ich möchte nicht erleben, dass er aufgrund der äußeren Umstände abgesägt wird”. Blatter sei es schließlich gewesen, der sich in den vergangenen Jahren stets für den afrikanischen Fußball eingesetzt hat, ganz besonders dafür, dass die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika ausgetragen wurde. Darauf sind ein Jahr später viele Afrikaner noch immer stolz. Denn das Gastgeberland – und damit auch ein bisschen der ganze Kontinent – bewies, dass es durchaus in der Lage ist, Großveranstaltungen mit internationalen Standards auszurichten und sich nicht hinter Europa oder den USA verstecken muss.
Trotzdem darf für Yomi Kuku die Wiederwahl Blatters nicht zum Freifahrtsschein werden. „Innerhalb der FIFA sind Reformen dringend nötig”, bewertet er. Die Fußballwelt müsse nun Geduld haben, damit Blatter sie auch umsetzen kann. Denn dann, so hofft Kuku, könne der Fußball vielleicht endlich einmal wieder das werden, was er eigentlich sein sollte: „Ein großartiges Spiel!”

Erschienen bei Café Europa am 02. Juni 2011
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Kategorien: Nigeria

One Comment - “FIFA: Kein Freifahrtschein für Blatter”

  1. 6. Juni 2011 um 01:06 #

    So ist also Blatter als Sieger dieses unsäglichen Postengerangels doch wenigstens für den afrikanischen Fussball ein gutes Wort gut!

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