Beten für Blatter

Der amtierende FIFA-Präsident setzt bei seiner Wiederwahl auf die Unterstützung Afrikas – Mehrheit der afrikanischen Stimmen scheint ihm sicher zu sein

Im Kampf um den Chefposten wird mit harten Bandagen gespielt. Beide Bewerber werfen dem anderen Korruption vor. Die Wiederwahl Sepp Blatters in der nächsten Woche hängt stark von Afrika ab. Dort ist der gute Ruf des Schweizers noch immer intakt.

Joy Nnenna Etim strahlt. Die Nigerianerin hat Blatter nämlich am vergangenen Samstag mächtig die Daumen gedrückt. In Johannesburg beim Treffen der afrikanischen Fußballverbände war die einstige Nationalspielerin des nigerianischen Frauenteams freilich nicht. Aber als die Nachricht durchsickerte, dass ihr Kontinent hinter dem Schweizer steht, war sie mächtig erleichtert. „Ich liebe das!”

Auch 10 Cent sind zu teuer

Die Mutter von fünf Kindern hat ihre ganz persönlichen Gründe, weshalb sie Blatter so mag. Als es mit der internationalen Karriere vorbei war, eröffnete sie eine kleine Fußballschule im Zentrum der 15 Millionen City Lagos. Jeden Tag bietet sie seitdem im Zentralstadion Trainingseinheiten für Mädchen und Jungen an. Das Geschäft läuft mehr schlecht als recht. Denn Fußball ist in Afrikas einwohnerstärkstem Land der Sport der Armen, die von der unbändigen Hoffnung getrieben werden, reich zu werden und aufzusteigen. Viele kleine Kicker haben nicht einmal genügend Geld, um die Trainingseinheiten zu bezahlen. Dabei kostet eine bei Coach Joy – wie die kleine, energische Frau von allen genannt wird – nur 20 Naira, umgerechnet keine 10 Euro-Cent (12 Rappen). Auch wenn sie Sepp Blatter nie persönlich kennengelernt und er ihr nie im Leben Geld für ihre Fußballschule zugesteckt hat, ist Coach Joy sicher: „Er hat so viel für den afrikanischen Fußball getan und uns hier auf dem Kontinent unterstützt. Ich bete zu Gott, dass er gewählt wird.”

WM nach Südafrika gebracht

Die Begeisterung für Blatter hängt vor allem mit der Fußball-Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr in Südafrika zusammen. Er war es, der sich allem Widerstand zum Trotz für die Vergabe des Turniers nach Afrika einsetzte. Noch Wochen vor Anpfiff am 11. Juni 2010 wurde immer wieder laut angezweifelt, ob Südafrika die wichtigste Sportveranstaltung des Jahres überhaupt stemmen könnte. Südafrika konnte es ohne große Pannen. Und obwohl die allermeisten Südafrikaner finanziell nicht von der WM profitierten, sind trotzdem große Summen in die Infrastruktur, aber beispielsweise auch Projekte für sozial Benachteiligte geflossen. Die WM hat aber noch eines geschafft: Sie hat das Image Südafrikas, das noch immer zwischen Gangster- und Apartheidstaat schwankt, mächtig aufpoliert.

Kritik an Korruption

Dass diese Entwicklung zu einem guten Teil Blatters Verdienst ist, bewertet auch Ismaila Mabo so, der einstige Trainer der nigerianischen Frauen-Nationalmannschaft „Super Falcons”. Ohnehin sei der Schweizer im Vergleich zu Herausforderer Mohamed Bin Hammam, dem Geschäftsmann aus dem Golfstaat Katar, die bessere Alternative. Für den Nigerianer bleiben aber einige Kritikpunkte. „Der alte Glanz der FIFA ist weg”, sagt Mabo, der nach seiner internationalen Karriere heute im zentralnigerianischen Jos eine Hobbymannschaft betreut und mit dieser noch einmal groß durchstarten möchte. Denn um an die alten Zeiten anzuknüpfen, muss Blatter nach Meinung von Trainer Mabo endlich zwei Dinge in Griff bekommen: die Korruption und Bestechungsskandale, die den Weltverband seit Jahren massiv schwächen.
Diesen Vorwurf wird Blatter nicht hören wollen. Während einer Pressekonferenz im Rahmen seiner Werbetour in Johannesburg sagte er Ende vergangener Woche, man müsse endlich damit aufhören, den ganzen Verband als korrupt abzustempeln. Trotz der Kritik in Richtung Afrika signalisierten die vier Regionalverbände des Kontinents, die 53 von insgesamt 208 Stimmen haben, ihm anschließend ihre Unterstützung.

Keine Garantie für Blatter

Ismaila Mabo lächelt ein wenig darüber. „Es sieht zumindest danach aus”, sagt der Trainer, „aber in Afrika ist das alles nicht vorhersehbar”. Mit anderen Worten: Auch wenn die Delegierten der Konföderation des afrikanischen Fußballs („Confederation of African Football”, CAF) mehrheitlich für Blatter votieren wollen, kann sich der Schweizer noch lange nicht darauf verlassen.
Das hat auch nach der Verkündung der Ghanar Fred Papoe betont, der zu den 37 Delegierten in Südafrika gehörte und Vizepräsident des ghanaischen Fußball-Verbandes („Ghana Football Association”, GFA) ist. Gegenüber der BBC sagte er am Rande des Treffens: „Es gibt keine Garantie für Blatter.” Erschwerend für den 75-Jährigen kommt hinzu, dass die Abstimmung geheim sein wird. Trotzdem hat der Ghanaer dem amtierenden Präsidenten dann doch noch Hoffnung gemacht: „Er hat viel Gutes getan, und es gibt keinen Grund, ihn nun auszuwechseln.”

Erschienen auf Café Europa (www.ce-sg.com) am 27. Mai 2011
Advertisements

Schlagwörter:, ,

Kategorien: Südafrika

One Comment - “Beten für Blatter”

  1. 7. Juni 2011 um 21:07 #

    Interessanter Beitrag. Tjaah, fast ein Lehrstück zum Thema „Dichtung und Wahrheit“, was?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: