Die Trennung löst keine Probleme

Keine zwei Monate mehr, und der Südsudan wird ein eigenständiger Staat. Groß gefeiert werden soll am 9. Juli. Doch je näher die Unabhängigkeitsfeier rückt, desto stärker sichtbar werden die vielen Probleme, mit denen künftig beide Länder zu kämpfen haben werden.

Eine Drohung gibt es auch: 50 Witwen haben im katholischen Radionetzwerk angekündigt, am Unabhängigkeitstag, dem 9. Juli, nackt durch die Straßen von Juba, der neuen Hauptstadt des Südsudan, zu ziehen, falls der sudanesische Präsident Omar al-Baschir offiziell zur großen Unabhängigkeitsparty eingeladen wird. Trauer und Verzweiflung sitzen tief und lassen sich nicht einfach so wegwischen, obwohl das Erlebte dann fast auf den Tag genau 19 Jahre her ist. Damals, 1992, sollen bis zu 1.000 Männer, Frauen und Kinder von Truppen aus der Hauptstadt Khartum ermordet worden sein.

Gerechtigkeit haben die Hinterbliebenen nie erfahren. Sie fordern, dass der sudanesische Dauerpräsident al-Baschir nun endlich vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zur Rechenschaft gezogen wird. Der Haftbefehl liegt bereits seit einem knappen Jahr vor, doch der 67-Jährige ist noch immer unbehelligt – und würde sich wohl kaum an nackten Demonstrantinnen stören. Stattdessen donnerte er kürzlich in gewohnter Manier, den neuen Staat nicht anzuerkennen, falls die begehrte Öl-Provinz Abyei künftig Teil des Südens wird.

Kämpfe lodern wieder auf

Die bevorstehende Selbstständigkeit löst längst nicht alle Probleme, im Gegenteil. Gerade in Abyei lodern seit Monaten immer wieder Kämpfe auf, die sich nun zuspitzen. So schätzt etwa die nichtstaatliche internationale Krisengruppe, dass die Region am Abgrund stehe und in absehbarer Zeit ein Krieg ausbrechen könnte.  Denn anders als bisher sind es nicht nur zwei ethnische Gruppen, die gegeneinander kämpfen. Stattdessen sind, so bewertet es die Krisengruppe, auch die National Congress Party (NCP) und die Sudan Peoples‘ Liberation Movement (SPLM) verstärkt involviert.

Eine Ausnahmesituation ist das nicht. Zu Wochenbeginn äußerte sich UNAMID, die gemeinsame Darfur-Mission der Vereinten Nationen und der Afrikanischen Union, besorgt über die momentane Lage in Darfur, nachdem die sudanesischen Streitkräfte zwei Dörfer in Süddarfur angegriffen haben. Einen weiteren Angriff soll es am Dienstagnachmittag im Westen der Region gegeben haben. Alle Kriegsteilnehmer seien „moralisch verpflichtet, Menschenrechte einzuhalten“, heißt es in einem UNAMID-Appell. Dennoch: Die meisten Opfer werden wie bisher Zivilisten bleiben.

„Allein ist die Region nicht überlebensfähig“

Ganz ähnlich bewertet Alfred Buss, Sudan-Experte bei amnesty international, die momentane Stimmung in der Region im Westen des Landes: „Es hat sich nichts an der Unsicherheit verändert.“ Hinzu komme, dass durch den politischen Druck viele Hilfsorganisationen das Land verlassen hätten; daher verschlechtere sich die medizinische Versorgung weiter. In der Abspaltung von der verhassten Zentralregierung in Khartum sieht Buss keine Lösung: „Allein ist die Region nicht überlebensfähig.“ Für besser hielte er es, stattdessen alle drei Provinzen zusammenzulegen und dem neuen Gebilde mehr Mitsprache und Autonomie zu geben.

Wie erfolgreich die Abspaltung des Südens vom Norden – für die im Januar 99 Prozent der Stimmberechtigten votierten – sein wird, muss sich erst zeigen. Der Jubel darüber ist lange verklungen, und die Konfliktlinien verlaufen längst nicht nur zwischen dem Nord- und dem Südsudan. Auch in den Grenzen des neuen Staates kommt es regelmäßig zu Ausschreitungen mit Toten.

„Es gibt wenig Positives zu berichten. Stattdessen Korruption, Unterdrückung der Meinungsfreiheit und Misswirtschaft“, sagt Buss. Und er macht noch ein besonderes Risiko aus: „Der Süden ist voll von Waffen, und die Polizei traut sich kaum in entlegene Gebiete.“ Daran werden auch die großangelegten Unabhängigkeitsfeiern nichts ändern können.

Katholische Nachrichten-Agentur (www.kna.de) vom 20. Mai 2011
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Kategorien: Sudan

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