Jenseits der Stille

Keine Frage: Afrika ist ein lauter Kontinent. Die Stille der Savanne, wo Löwen auf der Pirsch sind und sich vorsichtig an ihr Opfer heranschleichen, Zebras friedlich aus dem Wasserloch saufen und Gazellen lautlos grasen, gibt es allenfalls in ein paar Kitsch-Filmchen à la „Ich verlor mein Herz in Afrika“. Wie schön, wenn es manchmal Realität wäre.

Doch die sieht wie so oft ganz anders aus – etwa dann, wenn ich zwischen Lagos und Cotonou pendeln muss. Die friedliche Morgenstimmung ist sofort dahin, wenn alle Fahrgäste ihr Gepäck im Bus verstaut haben und nur darauf warten, dass die Reise endlich losgeht. Doch bevor das der Fall ist, krabbelt einer dieser Prediger zu uns in den Bus, zieht mit Krawall die Tür zu, um uns in einer atemberaubenden Lautstärke zu erzählen, dass unser Fahrzeug nun mit dem Blut Jesu Christi bedeckt sei. Eine ziemlich unappetitliche Vorstellung, in einem blutverschmierten Bus zu hocken und das auch noch am frühen Morgen und ohne Frühstück im Magen. Dann liest er ein bisschen aus der Bibel vor und wird freundlicherweise nach zehn Minuten wieder rausgeschmissen – natürlich nicht ohne zu sagen, dass kein Segen umsonst sei und er über kein geregeltes Einkommen verfüge. Und endlich beginnt er, der Moment der Stille. Die sonst so spendenfreudigen Nigerianer rühren sich nicht von der Stelle und sitzen wie angewurzelt. Irgendeiner erbarmt sich schließlich und holt einen leise raschelnden 50-Naira-Schein aus seiner Hemdtasche. Der Prediger geht, Nollywood beginnt.

Und ist auch nicht besser. Sobald wir uns durch dichten Verkehr und lautes Gehupe an den Stadtrand von Lagos vorgearbeitet haben, raubt mir irgendein Nollywood-Schinken (http://www.thisisnollywood.com/) mit kreischenden Frauen, verhexten Männern, merkwürdigen Priestern und finsteren Schurken den letzten Nerv. Ganz besonders schlimm ist es, wenn man mich mal wieder direkt unter den Lautsprecher gesetzt hat. Dann lässt mich Nollywood alle fünf Minuten aus meinen Halbschlaf schrecken und übertönt sogar meinen lauten Handyklingelton. Der Bitte-Etwas-Leiser-Schalter ist offensichtlich noch nicht entdeckt worden. Außer mir scheint es ohnehin niemanden zu stören. „Die anderen wollen das aber sehen“, antwortet der genervte Busfahrer auf meine Frage. Sehen können sie das gerne – aber muss es so laut sein, dass ich mein eigenes Wort nicht mehr verstehen kann?

Trotzdem gibt es ab und zu auch schöne Klänge – besonders dann, wenn ich morgens mit dem ersten Kaffee in meiner Strandwohnung in Benin noch im Bett liege und in der Nachbarstraße die erste Brotverkäuferin unterwegs ist. Sie brüllt ein Wort, das sich nach Cashew anhört. Das habe ich zumindest wochenlang so verstanden und mich gewundert, warum sie diese kleinen Nüssen ständig derart laut anpreisen muss. Bis mir irgendwann klar wurde: Sie verkauft gar keine Nüsse, sondern Baguette mit Avocados. Sobald sie also brüllt, ist mein Frühstück nicht mehr weit entfernt, und ich bestelle gleich vom Schlafzimmerfenster aus ein ganzes Brot.

Toppen kann das nur die laute Hupe, die am späten Vormittag zum ersten Mal ertönt. Ein paar Minuten später rattert der kleine Bollerwagen über die Straßen und verkündet: endlich gibt es Eis. Wirklich gefroren ist das zwar nicht mehr, aber es scheint – ganz gleich, ob man es in Ghana, Nigeria oder Benin kauft – ohnehin den afrikanischen Verhältnissen bestens angepasst zu sein. Und nicht nur das, es ist auch extrem gesund, was mich zumindest die Unternehmens-Homepage glauben lassen soll (http://www.fanmilk-gh.net/internet/index.php?CatId=98).

Weniger angenehm ist aber das gewesen, was sich vergangene Woche unter meinem Fenster abgespielt hat: Aufbau eines kleinen Zeltes und Angstschweiß im Gesicht. Lässt sich hier etwa eine neue Kirche nieder? So hat es sich jedenfalls am Abend angehört, als sich mehr als 100 Menschen auf die weißen Plastikstühle gequetscht und aus vollen Kehlen gesungen und dann auch noch getrommelt und getanzt haben. An Lesen war nicht zu denken. Sogar die Jubiläums-Folge der Drei Fragezeichen (http://www.dreifragezeichen.de/www/ddf-produkt-detail/product/hoerspiele-ddf-brainwash-gefangenegedanken/) haben sie locker übertönt. Stattdessen laute Töne bis weit nach Mitternacht. Irgendwann sind sie dann aber doch müde geworden und haben zusammen gepackt und mir ist mal wieder klar geworden: In Afrika ist Stille oft das schönste Geschenk.

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Kategorien: Nigeria

One Comment - “Jenseits der Stille”

  1. Andreas
    11. Juli 2011 um 18:49 #

    Klasse Artikel! Gruss aus Lomé, Andreas

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