Im Leberwurstbaumboot

Im Okavango-Delta in Botswana steuern „Poler“ das Leben: Als Taxi-Fahrer, Fremdenführer und Spediteure.

Vorsichtig packt Balebogeng Mbwe Taschen, Schlafsäcke und Kühlbox in sein Mokoro. Viel Platz ist in dem Boot nicht. Doch der 29-Jährige weiß, wie er es beladen muss. Immerhin arbeitet er seit neun Jahren als „Poler“, wie die Flößer in Botswana genannt werden. Dann nimmt Mbwe seinen langen Stab und stößt das Boot vom Grund des Gewässers ab.

Los geht‘s ins größte Binnendelta der Welt. Gespeist wird das 16.000 Quadratkilometer große Gebiet vom Okavango, dessen Quelle in Angola liegt. Rund 150.000 Menschen leben in der Region, die seit Jahrhunderten komplett von den Mekoro, wie die Boote im Plural heißen, abhängig sind. In ihnen werden Menschen, Lebensmittel und Baumaterial in die entlegensten Winkel gebracht. Anders als Motorboote sind Mekoro leicht, leise und können überall anlegen. Inzwischen werden sie aber aus Fiberglas und nicht mehr aus dem Stamm des Leberwurstbaumes gefertigt – ein Beitrag zum Umweltschutz.

Geblieben ist indes, dass das Mokoro die günstigste Fortbewegungsmöglichkeit ist, denn Flüge ins Innere des Deltas können sich höchstens Touristen leisten. Und gerade für sie ist die Gegend ein wahres Paradies. Es gibt mehr als 500 Vogelarten, und auf den kleinen Inseln leben von Elefanten über Gnus bis hin zu Giraffen all jene Tiere, die zu einer echten Afrika-Safari gehören. Nilpferde inklusive.

Um zumindest einen kurzen Blick auf sie zu erhaschen, steuert Balebogeng Mbwe eine Lagune an. Doch keines der scheuen Schwergewichte zeigt sich, bis der junge Mann in die Hände klatscht und in weiter Ferne ein Nilpferd auftaucht. Dichter ran? Mbwe schüttelt entsetzt den Kopf. Die gemütlich wirkenden Tiere sind oft die größte Gefahr für den Poler. „Wir sehen sie nicht, wenn sie unter Wasser sind. Dann tauchen sie plötzlich auf und kippen das Boot um.“

Er selbst ist zwar noch nicht mit einem Nilpferd zusammengestoßen. Doch sein Cousin hatte gerade ein unliebsames Erlebnis mit einem Löwen, der sich an das nächtliche Lager herangepirscht hatte. Zum Glück trollte sich der Mähnenträger wieder.

Die Poler sind längst nicht mehr nur Wassertaxi-Fahrer, sondern auch Fremdenführer. Mbwe hat daher eine spezielle Prüfung beim Tourismus-Ministerium abgelegt. „Ohne Fehler bestanden“, sagt er ein bisschen stolz und zeigt am nächsten Morgen etwas von seinem Können. Er sucht Elefanten und Giraffen – und präsentiert letztendlich strahlend eine große Herde Gnus. „Glück gehört eben auch dazu. Das Okavango-Delta ist ja kein Zoo.“

Erschienen in der Rheinpfalz am Sonntag (www.rheinpfalz.de) am 17. April 2011.
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Kategorien: Botswana

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