Offline in Benin

In der Nacht zu Montag ist es plötzlich passiert. Das Internet ist weg. Wenn ich den kleinen Globus anklicke, rührt sich nichts. Von wegen Verbindung zur Welt. Stattdessen erscheint unten rechts ein Warndreieck mit dem freundlichen Hinweis: Kein Internetzugriff. Das kann passieren, gerade in Benin. Meine neue Wahlheimat ist nicht für einen besonders guten, stabilen und schnellen Zugang zur Welt bekannt.

Nach ein paar Stunden sollte es wieder funktionieren – denkt man. Aus den Stunden werden ein ganzer Vormittag und ein Nachmittag. Im kleinen Büro meines neuen Anbieters stelle ich schließlich fest, dass ich längst nicht die einzige ohne Internet bin. „Wir arbeiten dran“, sagt die junge Mitarbeiterin, die es vergangene Woche geschafft hat, mir die Software auf mein deutschsprachiges System zu installieren – ohne auch nur ein Wort Deutsch sprechen zu können. Der Tag ist im Eimer. Aber morgen.

Von wegen morgen. Auch am Dienstag tut sich gar nichts. Nur mein Handy klingelt regelmäßig. SMS-Austausch mit der Doktorandin aus der Schweiz, die vor zwei Wochen in Benin angekommen ist und das Land gleich von seiner besten Seite erlebt. Internet? Fehlanzeige. Als meine Putzfrau gegen 9.30 Uhr aufschlägt, klage ich ihr mein Leid. „Kein Internet“, versuche ich ihr mit großen Handbewegungen klar zu machen. Sie zuckt mit den Schultern. Mehr nicht. Das ist ihr kleinstes Problem. Sie ist Analphabetin und hatte nie Internet. Meinen Kummer, meine Abgeschiedenheit von der weiten Welt kann sie nicht verstehen. Auch nicht die Panik, die sich langsam breit macht: Was verpasse ich alles? Was passiert in dieser Minute in Nigeria? Etwa neue Unruhen? Hat Boko Haram wieder zugeschlagen? Vielleicht eine Entführung im Nigerdelta? Ein Kollege in Abuja beruhigt mich schließlich. „Nein, nichts wesentliches passiert“, sagt er als ich ihn nach unzähligen Versuchen endlich ans Telefon bekomme. „Und klar, wir haben Internet“, sagt er zum Abschied.

Nach der ausgedehnten Mittags- und Kaffeepause – das ständige Gestarre auf das kleine Warndreieck macht es auch nicht besser – fängt die Gerüchteküche langsam an zu brodeln. Angeblich beim Sturm soll ein Kabel zerstört worden sein – und an dem hängt Benins komplette Internetversorgung. Nur mit Satellit hat man noch Zugang zur Welt. Fieberhaftes Überlegen: Wo steht der nächste Satellit, und wer lässt mich von dort aus ins Internet? Unterdessen brodelt es weiter. Ist nur Benin betroffen oder auch Togo, Kamerun und die Elfenbeinküste?

Mittlerweile wundern sich auch meine Kollegen, die ich telefonisch nicht erreicht habe und rufen von sich aus an. Warum ich bloß auf meine Mails nicht antworte? Nichts lieber als das würde ich tun. Wenn ich sie denn irgendwo empfangen und lesen könnte. Wir einigen uns auf später und drücken uns gegenseitig die Daumen, dass das Internet bald wieder funktioniert.

Doch das rückt in weite Ferne. Als letzte Hoffnung bleibt am Mittwochmorgen das Novotel, eines der teuersten Hotels in ganz Benin, das schon im vergangenen halben Jahr immer wieder mein zuverlässiger Zugang zur Welt war und wo der Cappuccino das kostet, was meine Putzfrau am Tag verdient. Aber nichts da. Statt Internet hängen schon an der Rezeption Zettel, die auf landesweite Probleme mit Benin Telecoms hinweisen. Out of service. Alles andere wäre auch zu schön gewesen.

Nach dem ausgedehnten Besuch in der Botschaft – klar, Internet ist das Thema schlechthin – frage ich mich langsam, wie sich wohl mitausreisende Gattinnen fühlen. So wie ich im Moment? Keine Arbeit (zumindest nicht in großen Mengen), keine Wohnung, die geputzt werden muss (dafür bezahle ich zweimal die Woche meine Putzfrau). Wir unterscheiden uns höchstens darin, dass ich keine Kinder habe, die zuerst von der Schule abgeholt und dann zum Judo und zum Schluss zum Klavierunterricht gebracht werden müssen und ich das Geld, was ich nebenbei in Cafés, Restaurants und im teuersten Supermarkt der ganzen Stadt, dem Erevan, erst einmal selbst erschreiben muss, bevor ich es ausgeben kann.

Trotzdem möchte die plötzlich gewonnene Freizeit sinnvoll gefüllt werden. Also mache ich das, was ich mir schon seit Tagen vorgenommen habe: in den Reitclub fahren und mir dort eine Reitbeteiligung suchen. Nach zwei Stunden als Zaungast verabrede ich mich gleich für den nächsten Vormittag mit Reitlehrer Hassane zu einer Probestunde. Bedenken, dass ausgerechnet morgen früh das Internet wieder kommt und ich eigentlich endlich wieder richtig arbeiten müsste, werfe ich über Bord. Das passiert nicht. Außerdem gewöhne ich mich gerade an die Langsamkeit. Die Sorge, dass mir irgendeine Meldung durch die Lappen geht, dass sich ausgerechnet jetzt etwas in Simbabwe tut oder wir in Nigeria mal wieder duzende Tote haben, wird immer kleiner. Und wenn schon? Ändern kann ich es nicht. Und das kaputte Glasfaserkabel, zu dem jetzt ein südafrikanisches Schiff fahren soll, kann ich erst recht nicht reparieren.

Dennoch wünsche ich mir ab Donnerstagmittag nur eins: Internet! Und siehe da. Manchmal werden Wünsche auch erfüllt, wenn auch in kleinen Schritten und mit einer extrem langsamen Verbindung. Außerdem tröstet es mich ungemein, dass ich in Westafrika wahrlich nicht als einzige offline gewesen bin: http://www.rfi.fr/afrique/20110512-le-benin-le-togo-le-niger-touches-une-importante-panne-internet

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Kategorien: Benin

One Comment - “Offline in Benin”

  1. 16. Mai 2011 um 19:31 #

    Schon seltsam, wie wir uns daran gewöhnt haben, immer und überall und jederzeit kommunikationsfähig zu sein (müssen)!
    LG aus Mexico

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