Ein Orden für Nigeria

Das hätte sich Nigeria heute wirklich verdient: den Zynismus-Orden. Gibt es den eigentlich schon? Vielleicht in Anlehnung an die unzähligen Karnevalsorden. Wenn nicht, ist er jetzt und hier erfunden. Und Nigeria ist der erste Träger. Warum? Weil die besten Beispiele dicht auf dicht folgen, auf den Weg nach Benin nämlich.

20 Kilometer vor dem Grenzörtchen Krake, das außer fliegenden Händlern, die Reisenden verzweifelt versuchen, Stoffe, Parfüm, Portemonnaies und abgeliebte Kuscheltiere anzudrehen, wahrlich nichts zu bieten hat, türmt sich am linken Straßenrand ein riesiges Plakat auf. Es ist schon ein bisschen verwittert, und das eine Bein ist schief und krumm. Eins ist aber trotzdem noch ganz deutlich zu erkennen: die Werbung für die Ecowas-Zone. „No visa, no bribe“ steht dort in riesigen Lettern. Staatsangehörige der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft, die sich von Nigeria bis in den Senegal erstreckt, brauchen also kein Visum und müssen folglich auch nicht mehr mit Bestechungsversuchen an der Grenze rechnen. Das ist vielversprechend. Meint man. Als wir an dem Plakat vorbei fahren, hat der Busfahrer schon mindestens zweimal bestochen. Das erste Mal am ersten Kontrollposten der Zollbeamten oder welche Funktion die Männer in den sandfarbenen Uniformen auch immer haben.

Anlass ist natürlich mal wieder die einzige Weiße im Bus. Während meine Mitreisenden anstandslos sitzen bleiben dürfen, muss ich in das kleine Häuschen der Beamten, das einer deutschen Bushaltestelle ähnelt. „Du bist schon viel zu lange im Land. Dein Visum ist längst abgelaufen“, knurrt mich der ältere der beiden an und hält mir einen Stempel unter die Nase. Keine Frage, da steht April, und wir haben Mai. Dass ich eine Aufenthaltsgenehmigung habe – wohlgemerkt eine gültige – ist ihm egal. Stattdessen zeigt er immer wieder auf den Stempel. Dieser ist uralt, seit Monaten überholt, und ihm folgen seitenweise frische und aktuelle Einträge von Ein- und Ausreisen nach Nigeria. „Illegal“, sagt er und schüttelt fast ein bisschen mitleidig den Kopf. Als ich irgendwann meine nigerianische Green-Card zücke, fängt er langsam an, mir zu glauben. Trotzdem hilft schließlich nur eins: mein Vorschlag, gleich mal bei der Einwanderungsbehörde in Abuja anzurufen, damit er direkt mit seinem Vorgesetzten sprechen kann. Will er nicht, und lässt mich ziehen. Gut, dass ich nicht gemerkt habe, wie der Fahrer ihm 200 Naira zusteckt. Ich besteche nicht.

Auch nicht 200 Meter weiter an der nächsten Kontrollstelle. Immerhin müssen wir dieses Mal nicht raus. Geld wollen sie trotzdem. „Kann mir jemand 200 Naira geben?“, fragt der Fahrer nach hinten, und ich rühre mich nicht. Der übliche Bestechungssatz. Er hat noch nicht die drei Tausend-Naira-Scheine kleingemacht, die er als Geld für Freundschaftsdienste bei sich hat und eigentlich schon im Fahrpreis enthalten sein müssten. Irgendjemand erbarmt sich schließlich. Nächster Halt ist die letzte Tankstelle vor der Grenze, die weniger Tankstelle, sondern mehr Wechselstube ist. Unser Fahrer lässt sich das große Geld in frische 100-Naira-Scheinchen (umgerechnet rund 45 Cent) tauschen und wird diese in der kommenden Stunde an unzählige Menschen verteilen. Gleich dahinter kündigt die Ecowas wieder an, wie gut ihr Zusammenschluss doch funktioniert. „No harrassment for Ecowas-citizens“. Ist das nun als Freifahrtsschein für all jene, die nicht in der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft leben, zu bewerten? Die Frage stelle ich mir immer, sobald nur Grenzgeruch in der Nase liegt. Dieses Mal haben sie freundlicherweise mit mir Erbarmen, lassen mich meinen Ausreiseschein ausfüllen und stellen keine weiteren Fragen. Der Trick ist übrigens, diesen in die Seite mit dem gültigen Visum zu legen, damit sie gar nicht erst das Blättern anfangen.

Heute haben sie es auf zwei nigerianische Mitreisende abgesehen. „Wem gehört die Ghana-to-go?“, brüllt einer der Hilfssheriffs schon auf Benin-Seite in den Bus und zeigt auf die große, rote Plastiktasche. Eine dürre Studentin antwortet leise. „Auspacken!“ Unnütz zu erwähnen, dass wir bereits vor Abreise von oben bis unten auf Drogen untersucht worden sind und ich dankbar war, dass dieses Mal wenigstens meine Unterwäsche nicht durchwühlt worden ist. „Verkaufst Du die ganzen Schuhe?“, fährt der Mann in Jeans und T-Shirt sie an. Sie schüttelt vorsichtig den Kopf. „Ich mag Schuhe einfach“, antwortet sie und darf die schief getretenen Pumps und Flip-Flops wieder einpacken. Dann ist eine schwarze Plastiktüte an der Reihe. Bücher! Welch ungewohnte Entdeckung. „Die sind für unsere Kirche in Accra“, sagt der Eigentümer noch bevor die Frage gestellt wird. Der Hilfssheriff, der offiziell natürlich keine Durchwühl-Genehmigung hat, sondern nur im Falle eines Falles die echten Beamten informiert, blättert sich fest, liest und fragt: „Kann ich eins haben?“ Der Eigentümer nickt großzügig. So muss es sein, die Missionierung des reumütigen Zöllners. Die letzten beiden 100-Naira-Scheine hat er trotzdem eingesteckt.

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Kategorien: Nigeria

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