Vier hinten, drei vorne, und alles ist dein

Eigentlich ist es logisch und einfach. In einem schnöden, dunkelroten Jetta, der seine besten Jahre längst hinter sich gelassen hat, befinden sich fünf Anschnallgurte. Zwei für vorne, drei für hinten. Passt genau, um fünf Menschen von Jos im Bundesstaat Plateau in die Hauptstadt Abuja zu transportieren. Denkt man sich.

Doch nach dem Tag der Gouverneurswahlen ist in Plateau alles anders. Der Bundesstaat in Zentralnigeria hatte Glück. Anders als erwartet sind die Wahlen friedlich verlaufen, nur ganz vereinzelt haben lokale Zeitungen kleinere Ausschreitungen gemeldet. Um die gute Stimmung am Tag danach nicht gleich wieder zu gefährden, hat die Regierung beschlossen, die Ausgangssperre – das so schöne englische Wort curfew – auf Mittwochmorgen auszuweiten. Mit anderen Worten: Bis 12 Uhr geht in Jos gar nichts, Taxis fahren nur vereinzelt, Moped-Fahrer haben Pause. Besonders die Angestellten freut es, da diese Entscheidung ihnen gleich einen weiteren freien Tag beschert.

Aber sie sind nicht die einzigen, die sich kräftig die Hände reiben. Auch auf den Busbahnhöfen freuen sich Fahrer und Autozuteiler – all jene, die lauthals versuchen, Reisende in die Fahrzeuge nach Abuja, Kano oder Maiduguri zu setzen. Der Andrang ist groß. Nach Ostern und dem Wahltag möchte man Jos endlich wieder verlassen. „Abuja, Abuja, Abuja“, brüllt der junge Mann in dem viel zu weiten beige-farbenden Polo-Shirt und zeigt auf den altersschwachen Jetta. Um Fahrgäste muss er sich heute keine Sorgen machen.

Doch dann kommt der Haken: „Vier hinten, drei vorne“, sagt er und kann sich das Grinsen nicht verkneifen. Das uralte Prinzip von Angebot und Nachfrage sollte doch funktionieren. Eines verschweigt er geflissentlich: Zu den vier Erwachsenen, die sich auf die viel zu enge Rückbank quetschen sollen, kann eine ungenannte Zahl von Kindern hinzukommen, die es sich auf den Schößen bequem macht und während der ganzen Fahrt keinen Laut von sich geben wird. Sardinen in der Dose haben es jedenfalls besser. Einer der Mitreisenden ist empört. Der Mann, der ein gestreiftes Hemd, dunkle Jeans und Seglerschuhe trägt, springt wieder aus dem Auto. „So fahre ich nicht“, sagt er und blickt den Autozuteiler wütend an. Seine Begleiterin in der lilafarbenen Bluse tut es ihm nach.

Eine wilde Diskussion entfacht. 1000 Naira, gut 4,30 Euro, kostet die Fahrt. Insgesamt sollen an der Tour also 6000 Naira verdient werden. Das Angebot, jeder Mitfahrer zahle einfach 500 Naira mehr, um auf die Summe zu kommen, wird abgelehnt oder nicht verstanden. Und dann zeigt sich, wie sich Angebot und Nachfrage plötzlich in Luft auflösen. Zu dem Preis und vor allem zu den Konditionen will niemand die gut 300 Kilometer lange Strecke nach Abuja auf sich nehmen. Der Autozuteiler bleibt stehen – zwar nicht im Regen, aber doch in einer riesigen Staubwolke.

Es dauert eine halbe Stunde und eine gute Portion des Zuredens bis sich ein anderer Fahrer bereit erklärt, für 1300 Naira pro Person in die Hauptstadt zu fahren, zwei vorne, drei hinten wohlgemerkt. Sehr zu Freude der vielen Straßenhändler, die Handyguthaben, Datteln und pure water – in Plastiktüten abgepacktes Wasser, das sicherlich alles andere als „pure“ ist – absetzen.

Die Fahrt selbst ist unspektakulär und der Fahrer erfreulich vorsichtig. Statt mit 150 Stundenkilometern über die Schlaglochpisten zu brettern, fährt er gemäßigte 130 und hupt höchstens alle fünf Minuten. Zweimal glotzen Kuhkadaver vom Straßenrand. Und an den vielen Straßensperren – road blocks ist im Moment wohl eines der wichtigsten Wörter überhaupt – floriert das Geschäft. Anhalten ist Pflicht, Obst- und Gemüseshopping gibt es gratis dazu.

Jäh unterbrochen wird die Reise erst am Stadtrand vom Abuja, wo eigentlich nur einer der Reisenden aussteigen will. Eine ganz falsche Stelle, denn plötzlich stürzen sich zehn junge Männer auf den Fahrer. Sie drohen ihm wütend, fluchen, schimpfen, ziehen den Schlüssel aus dem Zündschloss und zerren ihn schließlich aus dem Auto. Doch das ist noch nicht Demütigung genug. Zum krönenden Abschluss schrauben sie gleich beide Nummernschilder ab. „Irgendetwas soll mit der Registrierung des Autos nicht stimmen“, sagt der Fahrer, nachdem er sich fast mit dem Anführer geprügelt hat, schließlich. Eine Chance hat er gegen die wütende Meute ohnehin nicht und trabt brav hinter ihnen her. Ob diese aber nun tatsächlich für eine Art von Verkehrsbehörde arbeiten oder sich als illegale Zöllner ein kleines Einkommen verdienen, bleibt das große Geheimnis.

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Kategorien: Nigeria

2 Kommentare - “Vier hinten, drei vorne, und alles ist dein”

  1. Angelika
    28. Mai 2011 um 20:21 #

    Vielen Dank für diesen wundervollen Blog. Habe Bekannte in Nigeria und freue mich über alles, was ich aus diesem Land lesen kann.
    Liebe Grüße aus Schleswig-Holstein.

    • Katrin Gänsler
      29. Mai 2011 um 18:16 #

      Vielen Dank und viele Grüße aus Nigeria,

      Katrin Gänsler

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