„Die Gräben sind tief“

Nach der Festnahme von Ex-Präsident Laurent Gbagbo ist die Zukunft der Elfenbeinküste weiter ungewiss. Gertrud Nehls, Mitarbeiterin von amnesty international, befasst sich seit 1996 mit dem westafrikanischen Land. Im Interview äußert sie sich zum Verlauf des Konflikts und zur aktuellen Lage.

KNA: Frau Nehls, wie haben Sie von der Festnahme Gbagbos Anfang der Woche erfahren?
Nehls: Kurz nach den ersten Nachrichten im französischen Fernsehen hat mich eine Bekannte informiert, die selbst mit einem Ivorer aus dem Norden verheiratet ist. Die Frage, ob damit tatsächlich die Kämpfe aufhören, stand dann für mich im Vordergrund.

KNA: Frankreich hat in den vergangenen Wochen eine sehr dominante Rolle gespielt. Wie beurteilen Sie das?
Nehls: Durch die Resolution 1.528 der Vereinten Nationen ist UNOCI, die UN-Mission in der Elfenbeinküste, zu einer engen Zusammenarbeit mit französischen Truppen verpflichtet. Beteiligt sind 9.000 Soldaten einschließlich Polizisten und Militärbeobachter. Der Weltsicherheitsrat hat sich einseitig für Frankreichs Interessen eingesetzt, wobei Frankreich versucht hat, seine Rolle im Konflikt herunterzuspielen. Der Schutz der Zivilisten war nicht vorrangig, wie eigentlich in der Resolution vorgesehen. Über die brutale Vorgehensweise der Milizen des neuen Präsidenten Alassane Ouattara und Söldnern aus Liberia wurde offiziell ebenfalls nicht berichtet.

KNA: Hätte der Konflikt auf „afrikanischer Ebene“ – also durch die westafrikanische Wirtschaftsunion ECOWAS und die Afrikanische Union – gelöst werden sollen?
Nehls: Ja, das hätte er, wenn die Organisationen unabhängiger von westlichen Interessen hätten entscheiden können.

KNA: Wie verhärtet sind die Fronten zwischen den Menschen durch die Kämpfe der vergangenen Monate?
Nehls: Die Gräben sind tief. Der Norden und der wirtschaftlich reichere Süden waren immer sehr verschieden. Diese Entwicklung hat sich schon in den vergangenen Jahren verschärft.

KNA: Laut Alassane Ouattara soll nun eine Kommission zur Wahrheitsfindung und Versöhnung einberufen werden. Wie stehen die Chancen, dass das glaubwürdig umgesetzt wird und damit sich dadurch die Lage einigermaßen normalisieren kann?
Nehls: Versöhnung muss von den Opfern ausgehen. Man kann sie nicht anordnen. Es hat auf beiden Seiten Massaker gegeben. Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt. Alte und Kranke wurden ermordet. Wunden bleiben über viele Generationen in Erinnerung. Beispiel dafür ist die Ausbeutung der Sklaven und der Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg, die in Westafrika noch gegenwärtig ist.

KNA: Schlagzeilen gemacht haben in den vergangenen Wochen immer wieder die riesigen Flüchtlingsströme. Mehr als eine Million Menschen haben beispielsweise Zuflucht im Nachbarland Liberia gesucht. Wie sollte mit der Flüchtlingsproblematik aus Ihrer Sicht nun umgegangen werden?
Nehls: Zuerst müssen die Flüchtlinge gefragt werden, und zwar auf Augenhöhe. Es muss ihnen die Möglichkeit gegeben werden, im Lande wieder Fuß zu fassen und ihren Lebensunterhalt zu verdienen, wenn und wie sie es wollen. Dabei muss Wert auf gute Ausbildungsmöglichkeiten im Land gelegt werden.

KNA: Werden genügend finanzielle Mittel zum Wiederaufbau bereitgestellt?
Nehls: Darüber wurde noch nicht berichtet. Ich erlebe allerdings, dass Ivorer aus Deutschland versuchen, mit Geld zu helfen.

Katholische Nachrichten-Agentur vom 15. April 2011
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Kategorien: Elfenbeinküste

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