Land der zwei Präsidenten

Das Chaos an der Elfenbeinküste nimmt kein Ende. In der ivorischen Wirtschaftsmetropole Abidjan verschanzt sich der abgewählte Machthaber Gbagbo weiter im Präsidentenpalast, Kontrahent Ouattara gibt sich staatsmännisch. Diese Rollenverteilung passt ins Bild der Welt von den beiden: der Böse und der Gute. Doch die Grauzone dazwischen ist groß.

Die internationale Gemeinschaft hat es in den vergangenen Wochen immer wieder deutlich gesagt: Für sie ist der 69-jährige Alassane Ouattara der rechtmäßig gewählte Präsident der Elfenbeinküste. Bei der Stichwahl um das höchste Amt im Staat hat er am 28. November gesiegt. Doch Ouattara, der in den USA Wirtschaftswissenschaften studierte und bis 1999 für den Internationalen Währungsfonds arbeitete, ist bislang ein Staatschef ohne Amtssitz und Befugnisse. Über Monate hockte er in einem Hotelzimmer in Abidjan und musste bei jeder Auslandsreise befürchten, dass die Truppen seines Kontrahenten ihn gar nicht mehr ins Land würden einreisen lassen. Die Sympathie vor allem im Ausland schlägt ihm deshalb entgegen.

Vergessen wird allerdings, dass es Ouattaras Truppen waren, die im Westen des Landes für Massaker unter der Zivilbevölkerung sorgten. Schlimmstes Beispiel sind die Kämpfe um die Stadt Duekoue, in deren Folge sich vor zehn Tagen bis zu 30.000 Menschen in eine katholische Missionsstation flüchteten. Rund 1.000 Menschen sollen ums Leben gekommen sein. Für die Überlebenden laufen die Hilfsmaßnahmen gerade erst an. Die Gegend ist strategisch wichtig, da dort Kakao angebaut wird, das wichtigste Exportgut des Landes.

Ouattaras Gegner ätzten anschließend, dass muslimische Truppen Katholiken angegriffen hätten. Denn Ouattara, der aus dem muslimischen Norden stammt, bekennt sich zum Islam. Zugleich betonte er jedoch im Wahlkampf immer wieder, dass Religion in der Politik keinen Platz habe. Zudem sei seine Frau Katholikin und die eigene Familie durch und durch von religiöser Toleranz geprägt.

Anders verhält es sich bei seinem Kontrahenten Gbagbo. Der 65-jährige Historiker, der nach einer Zeit im Exil und im Gefängnis im Oktober 2000 zum Staatspräsidenten gewählt wurde und zehn Jahre im Amt blieb, ist Katholik, seine Frau Simone Mitglied einer Pfingstkirche. Gbagbos Verbindung zum christlichen Glauben hat er immer wieder öffentlich gemacht. Gern wird er mit dem Satz zitiert: „Gott ist mit uns. Wer kann dann gegen uns sein?“ Applaus fuhr er mit solchen Parolen auch bei evangelikalen Freikirchen ein.

Gbagbo, der aus dem christlich geprägten Süden des Landes stammt, sei daher auch der Favorit der katholische Kirche in der Elfenbeinküste gewesen, sagt Richard Banegas, renommierter Afrikawissenschaftler an der Pariser Sorbonne. „Trotzdem handelt es sich nicht um eine ethnische oder religiöse Krise“, sagte er der französischen Tageszeitung „La Croix“. Neben politischen und wirtschaftlichen Spannungen sei die Kernfrage vielmehr, wie sich die aus vielen Völkern und Gastarbeitern bestehende Nation künftig selbst definiere.

Eine Chance, diese Frage zu diskutieren, könnte ein kompletter Rückzug beider Politiker sein. Das zumindest fordert Edouard N„Gouan, Vorsitzender der Grünen-Partei in der Elfenbeinküste. Doch ein solches Szenario ist die unwahrscheinlichste aller Varianten im aktuellen Wirrwarr, das den einstigen Musterstaat Westafrikas immer tiefer in die Krise treibt.

Katholische Nachrichten-Agentur vom 8. April 2011
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Kategorien: Elfenbeinküste

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