Das Dilemma mit dem Elektroschrott

Es sind klapprige Kühlschränke, altersschwache Computer und Handys, die in Europa niemand mehr haben will. Doch statt fachgerechter Entsorgung vor Ort werden viele Geräte im großen Stil nach Afrika verschifft und landen auf Schrottplätzen in Kenia, Nigeria und Ghana. Dort wird der sogenannte Elektroschrott zu einem immer größeren Problem und bringt gleichzeitig Arbeit für viele Menschen. Viele Länder stecken im Dilemma.

Elias Abdul Raman schlendert durch Agbogbloshie. Ab und zu bleibt er stehen, grüßt und winkt ein paar Bekannten zu. Er ist zuhause, in seinem Revier. Hier betreibt der 28-Jährige eine kleine Werkstatt und hat einige Jahre lang mit seiner Frau und der kleinen Tochter gewohnt. Agbogbloshie ist der größte Schrottplatz in Ghana, vermutlich sogar der größte in ganz Westafrika. Er liegt am Rande von Accra und hat in den vergangenen Jahren von internationalen Medien einen biblischen Beinamen erhalten: Sodom und Gomorrha.

Elias lächelt fast ein bisschen milde, wenn er das hört und über die riesige Fläche streift. In der Luft hängen schwarze Rauchwolken und ein beißender Gestank. Schlimmer als der ist jedoch, dass die Dämpfe giftig sind und krebserregende Dioxine enthalten. Sie entstehen am hintersten Ende des Platzes gleich neben dem kleinen Fluss, in dem man vor lauter Abfällen das Wasser kaum noch erkennt.

Hier arbeiten jene, die ganz unten in der Schrottplatz-Hierarchie stehen. Die meisten sind Jugendliche, die Drähte schmelzen. Nur so löst sich das Plastik vom begehrten Kupfer, das anschließend weiterverkauft wird. Wer sich in Agbogbloshie nach oben gearbeitet, steht weiter vorn in Richtung Straße – bei den Computer-, Fernseh- und Kühlschrankhändlern. „Ja, funktioniert noch“, grinst einer von ihnen und zeigt auf einen Kühlschrank.

Das wäre die große Ausnahme. Denn die meisten ausgedienten Elektrogeräte, die den afrikanischen Kontinent erreichen, taugen höchstens noch dazu, in Einzelteile zerlegt zu werden. Schätzungen zufolge dienen drei Viertel der insgesamt 500.000 ausrangierten Computer, die monatlich im Hafen von Lagos in Nigeria an Land gehen, nur noch zum Ausschlachten. Insgesamt, so haben die Vereinten Nationen errechnet, fallen jährlich 20 bis 50 Millionen Tonnen Elektroschrott an.

Ändern könnte das nun ein Beschluss der EU-Umweltminister. Sie einigten sich Mitte März darauf, dass in den nächsten vier Jahren 45 Prozent aller Geräte in Europa zurückgenommen und recycelt werden müssen. In acht Jahren sollen es sogar 65 Prozent sein. Damit soll der illegale Export von Elektromüll stark reduziert werden. Derzeit liegt die Quote bei nur einem Drittel.

Weniger Müll wäre auch ein Segen für Afrika – so scheint es. Denn durch die riesigen Halden und das Schmelzen von Plastik wird nicht nur die Gesundheit der vielen Kupferschmelzer schwer belastet. Wie groß das Ausmaß der Umweltverschmutzung ist, lässt sich derzeit nur schätzen. Denn überall auf den Schrottplätzen sickern Gifte in die Böden und belasten das Trinkwasser enorm. Auf der anderen Seite würde es vielen Menschen aber auch ihre einzige Verdienstmöglichkeit nehmen.

Elias geht es nicht anders. „Ich habe keine Ausbildung“, sagt er, als er in seiner kleinen Werkstatt ankommt. Der junge Mann stammt aus dem Norden des Landes und sah dort keine Perspektive. Deshalb ging er vor ein paar Jahren nach Accra und zog zuerst als Schrottsammler durch die Straßen der ghanaischen Hauptstadt. An jeder Haustür klopfte er, um nach Alteisen zu fragen. Irgendwann konnte er sich mit dem Ersparten ein Fahrrad und später ein Moped leisten.

Besonders stolz ist er auf seinen LKW-Motor, den er gerade gekauft hat. In den nächsten Wochen will er ihn zerlegen und die Einzelteile gewinnbringend verkaufen. „Das bringt am meisten Geld“, sagt er. So viel, dass er vielleicht für ein paar Tage zwei Mitarbeiter anstellen kann – gegen ein warmes Mittagessen. Er holt einen Schraubschlüssel, beugt sich über den Motor und sagt: „Ohne den ganzen Schrott hier wäre ich arbeitslos.“

Katholische Nachrichten-Agentur vom 25. März 2011
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Kategorien: Ghana

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